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| 18:12 Uhr

Brandenburg
Als ein Wisent-Bulle vorm Anglerheim stand

 Um den Kopf des Wisents gibt es jetzt Streit – das brandenburgische Umweltamt fordert die Trophäe ein.
Um den Kopf des Wisents gibt es jetzt Streit – das brandenburgische Umweltamt fordert die Trophäe ein. FOTO: privat
Frankfurt (Oder). Knapp zwei Jahre nach dem Abschuss eines Wisent-Bullen in Ost-Brandenburg, der fast zur Staatsaffäre führte, beendet einer der Jäger sein Schweigen. Ihn empört, dass ihm von Grünen noch immer illegales Handeln vorgeworfen wird und dass Potsdam jetzt den Wisent-Kopf einfordert. Von Dietrich Schröder

Über manche Dinge wächst einfach kein Gras. Wenn es freilich um den ersten Wisent geht, der seit über 200 Jahren in freier Wildbahn nach Deutschland gekommen war und noch am gleichen Tag erschossen wurde, ist es schon etwas Besonderes.

Abschuss brachte Ärger mit sich

Zur Erinnerung: Der Vorfall ereignete sich am 13. September 2017 im kleinen Lebus nördlich von Frankfurt (Oder). Franz N. war einer der beiden Schützen, die damals mit Jagdgewehren das gewaltige Tier zur Strecke brachten. Seinen richtigen Namen will N. noch immer nicht veröffentlicht wissen, denn die Sache hat ihm jede Menge Ärger eingebracht.

„Dass es Stress geben würde, war mir schon klar, als der Wisent noch lebte“, sagt N. heute. Welche Ausmaße die aus seiner Sicht unehrliche Debatte erreichen würde, hätte er sich aber nicht träumen lassen.

Doch der Reihe nach. Am Nachmittag jenes 13. September kamen kurz nach 17 Uhr zwei atemlose Lebuser ins dortige „Anglerheim“ und riefen: „Da draußen steht ein Riesentier.“ Tatsächlich war der zottelige Bulle zu jenem Zeitpunkt nur etwa 50 Meter von dem Lokal entfernt.

Polizei überfordert

Zunächst übernahm die Feuerwehr des Ortes den ungewöhnlichen Fall. Wenig später sicherten auch zwei Polizeibeamte das Gelände. Doch rasch waren sie mit ihrem Latein am Ende. Würde der Bulle sich für eine Kuhherde in der Nähe interessieren und die Tiere verrückt machen? Was wäre, wenn er Kinder oder andere Passanten angreift? Und hatten nicht erst drei Wochen zuvor zwei Wasserbüffel, die in Potsdam aus einem Zirkus ausgebrochen waren, einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem ein Autofahrer starb? Fragen über Fragen, auf die man keine Antwort wusste. Deshalb wurden vom zuständigen Amtsdirektor Heiko Friedemann die beiden Jäger alarmiert.

„Auch ich glaubte zuerst, ich spinne“, erinnert sich N. an den Moment, in dem er den massiven Bullen erblickte. „Der muss aus Polen durch die Oder geschwommen sein“, zuckte ihm durch den Kopf. Ein Gedanke, der sich bald bestätigte.

Wie erlegt man einen Wisent?

Dass man das Tier nicht einfach abknallen könne, war dem erfahrenen 53-Jährigen sonnenklar. „Wenn du in Deutschland einen Wolf erschießt, zahlst du 10 000 Euro Strafe und kommst noch in Haft“, sagt er. Aber wie erlegt man eigentlich einen Wisent, ohne dass der Bulle nur angeschossen wird und dadurch außer Rand und Band gerät?

Von den telefonisch befragten Tierärzten in den umliegenden Orten hatte keiner ein geeignetes Betäubungsgewehr. Und überhaupt: Wie viel Betäubungsmittel braucht eigentlich so ein Bulle? Und wenn er wieder aufwacht, was dann? „Wenn im Berliner Zoo Löwen oder Elefanten betäubt werden, dann nehmen sie dort ein hochwirksames Mittel, ziehen Schutzanzüge an, und hinter demjenigen, der die Spritze verabreicht, steht jemand, der zur Not ein Gegenmittel zur Hand hat“, weiß N.

Niemand erreichbar

Beim brandenburgischen Umweltamt und der Unteren Jagdbehörde des Kreises, die man ebenfalls anzurufen versuchte, habe es dagegen am Nachmittag „nur noch tut, tut, tut“ gemacht. „Da ging keiner ans Telefon“, berichtet N.

„Es wurde sechs, es wurde sieben und immer dunkler“, erinnert sich der Waidmann. Zudem sei das Tier in Richtung einer Bundesstraße getrottet, an der sich auch noch ein riesiges Maisfeld erstreckte. „Dort wäre er unseren Blicken entschwunden und in der Nacht oder am Morgen vielleicht auf die Straße gerannt.“ Franz N. fragt sich, was passiert wäre, wenn wegen des Wisents ein Autounfall passiert wäre. „Höchstwahrscheinlich hätte es Tote beim Zusammenstoß mit dem 900-Kilogramm-Bullen gegeben. Jeder weiß doch, welche Folgen ein Unfall mit einem nur 15 Kilogramm schweren Reh hat“, argumentiert er.

Amtsdirektor ordnete Abschuss an

Weil deshalb Gefahr im Verzug war, ordnete der Amtsdirektor 19.30 Uhr den Abschuss an. Die beiden Polizeibeamten waren zum gleichen Urteil gekommen. Um 19.58 Uhr drückten die Jäger zwei Mal hintereinander ab, „beim zweiten Mal sackte der Bulle in sich zusammen“, berichtet N.. Die Gefahr schien gebannt, doch am nächsten Tag sollte ein Sturm der Entrüstung über den kleinen Ort losbrechen.

Die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) stellte sofort Strafanzeige gegen den Amtsdirektor. „Die Abschussfreigabe eines streng geschützten Tieres ohne ein ersichtliches Gefährdungspotenzial ist eine Straftat“, begründete sie den Schritt. Der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Axel Vogel, zeigte zudem noch die beiden Schützen persönlich wegen Wilderei an.

Sturm der Entrüstung

Noch mehr Öl ins Feuer goss ein im RBB gezeigtes Video, in dem zu sehen ist, dass die Jäger das Tier waidmännisch zerlegt und ihm den Schädel abgetrennt hatten. Der Reporter bemerkte süffisant, dass das Fleisch „fein säuberlich portioniert für das nächste Grillfest“ sei. „Völliger Quatsch“, wie N. sagt.

Der Fall wuchs sich fast zur Staatsaffäre mit dem Nachbarland aus. „Mörder“ stand auf einem Transparent, das am polnischen Oder­ufer aufgestellt wurde. Polens seinerzeitiger Innenminister Joachim Brudzinski twitterte halb bissig, halb ironisch: „Der Bursche wollte in Deutschland doch nur ein Weibchen suchen, aber die Deutschen haben ihn einfach erschossen. Vielleicht werden sich außer den deutschen Ökologen auch die Feministinnen zu Wort melden?“ Andere polnische Kommentare lauteten, die Deutschen hätten nun mal „das Morden im Blut“ oder: „Den Wisent haben sie erschossen, aber mit den Flüchtlingen werden sie nicht fertig.“

Landrat bittet um Verzeihung

Erst jetzt stellte sich heraus, dass der Wisent zuvor seit Monaten östlich der Oder durch die Gegend gestreift war. Der Bulle stammte aus einem halboffenen Zuchtgehege 150 Kilometer östlich der Grenze, aus dem er im Frühjahr 2017 entlaufen war. Um die Wogen zu glätten, schrieb der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, einen Brief an seine Amtskollegin im polnischen Gorzów. Darin bat er im Namen aller Beteiligten um Verzeihung. Im Gegenzug luden die Polen zur ersten grenzüberschreitenden Konferenz über Wisente, Wölfe und andere geschützte Wildtiere ein. Beide Seiten gelobten, sich künftig besser über die jeweiligen Bestände zu informieren.

„Etwas zu viel des Guten“, wie Franz N. empfand. Denn andererseits findet man im Internet Angebote für kommerzielle Wisentjagden in Polen, für die man als Jäger freilich einige Tausend Euro auf den Tisch blättern muss. In einer Preisliste für die Jagdsaison 2017/18 ist von 18 150 Euro die Rede, die für den Abschuss eines ausgewachsenen Wisent-Stiers zu zahlen sind.

Zwei Monate nach dem Vorfall gab Brandenburg als bisher einziges Bundesland „Hinweise zum Umgang mit dem Wisent“ heraus. Darin finden sich so hilfreiche Bemerkungen wie: „Wisente sind ... nicht als besonders aggressiv bekannt. Es sollte jedoch ein Sicherheitsabstand von 50 Metern eingehalten werden.“

Ermittlungen eingestellt

Für Franz N., den zweiten Schützen sowie Amtsdirektor Heiko Friedemann war freilich entscheidend, dass die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) im Juni vergangenen Jahres alle Ermittlungen gegen sie einstellte. Die Entscheidung, dass von dem Tier eine Gefahr ausgehe, sei unter den konkreten Umständen richtig gewesen, hieß es zur Begründung. Der WWF und Grünen-Politiker Axel Vogel sehen darin weiterhin nur eine Schutzbehauptung, hatten aber auch mit einer Beschwerde bei der Brandenburger Generalstaatsanwaltschaft keinen Erfolg.

Vor ein paar Wochen erhielt Franz N. jedoch Post vom Landesumweltamt. Darin informierte ihn die Behörde, dass das Land nunmehr Anspruch auf die Trophäe des Wisents erhebe. Diese Forderung geht offenbar auf den Grünen-Landtagsabgeordneten und Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl Benjamin Raschke zurück, der von der Landesregierung wissen wollte, wo der Kopf des Tieres verblieben sei.

Kopf des Tieres überlassen

„Den hat uns der Landkreis schon 2017 überlassen, denn laut Brandenburger Jagdgesetz gehört die Trophäe denjenigen, die das Tier erlegt haben“, kann N. dazu nur sagen. Die einzige Auflage bestand darin, dass der Schädel nicht verkauft werden sollte. „Ich hatte auch nicht vor, ihn in meinem Wohnzimmer aufzuhängen – dazu wäre er viel zu schwer“, versichert N. Ein Teil des Schädels sei von den Jägern bereits ans Naturkundemuseum in Potsdam übergeben worden, der größere Teil liege noch bei einem Präparator im Kühllager. „Wenn wir uns nicht um die Sicherung gekümmert hätten, wäre der Kopf längst verfault“, sagt Franz N.

Am liebsten aber würde er sich einmal mit den Grünen-Politikern darüber unterhalten, wie man sich verhalten soll, wenn wieder urplötzlich ein Wisent oder ein oder mehrere Elche auftauchen und den Straßenverkehr gefährden. „Wie erklärt man eigentlich den Angehörigen eines möglicherweise tödlich Verunglückten, weshalb ein Abschuss ein Fehler gewesen wäre?“, fragt der Jäger.