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Als die Bürgerrechtler sich vernetzten

Der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster wird morgen in Potsdam dabei sein, wenn Geburtstag gefeiert wird.
Der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster wird morgen in Potsdam dabei sein, wenn Geburtstag gefeiert wird. FOTO: RA
Potsdam/Cottbus. Im Potsdamer Landtag sind die Abgeordneten von Bündnis 90/Grüne eine feste Größe. Vor 25 Jahren wurde der Landesverband von Bündnis 90 gegründet. Morgen wird daran erinnert. Ein bekannter Cottbuser ist mit dabei. Benjamin Lassiwe / iwe1

Es waren die wilden Zeiten der Wiedervereinigung. Vor 25 Jahren, im September 1991, gründete sich in Potsdam das Bündnis 90, einen Monat später, am 12. Oktober, entstand der Brandenburger Landesverband. Morgen wollen die Brandenburger Grünen ihrer Vorläuferorganisation gedenken. Dann wird auch der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster nach Potsdam fahren. Denn als damals, 1991, das Bündnis 90 für Brandenburg gegründet wurde, war er mit dabei.

"1986/87 bin ich nach Cottbus gekommen", erinnert sich Polster. Zuvor war er im Berliner Stadtjugendpfarramt tätig, eine der Keimzellen der friedlichen Revolution: Die kirchliche Friedens- und Umweltarbeit war hier vernetzt, die Blues-Messen, mit denen die Kirche die alternative Jugendszene Ostberlins erreichte, wurden hier koordiniert. "Auch in Cottbus starteten wir bald mit einer Umweltgruppe", sagt Polster.

1989, als die Montagsdemonstrationen in Leipzig stattfanden, wurde daraus das Neue Forum. "Ulrich von Grünhagen, Markus Derling, Günter Nooke - das waren die Leute damals, um nur einige zu nennen."

Doch bald stellte sich die Frage, ob die Bürgerrechtler auch Verantwortung übernehmen. Es bildete sich das Bündnis 90 - zunächst als gemeinsame Liste von Neuem Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte für die einzige freie Volkskammerwahl im März 1990. Erst ein Jahr später entstand daraus eine feste Organisation.

"In Cottbus machten wir das Bündnis für Cottbus", sagt Polster. Auch der Pfarrer an der Oberkirche stand damals vor einer Entscheidung. Wollte er so wie andere in die große Politik gehen? "Für mich war damals klar, dass ich in meinem Beruf als Pfarrer bleiben wollte", sagt Polster. "Ich war mit meiner Familie beschäftigt - und außerdem hatte ich mir vorgenommen, nie in eine Partei zu gehen." Polster ging ins Stadtparlament, wo er bis 1999 blieb. Zeitweise war er Vorsitzender des Cottbuser Jugendhilfeausschusses, engagierte sich in einer Kita-Initiative.

Auf der Landesebene gelang Bündnis 90 bei den ersten Landtagswahlen im Oktober 1990 der Einzug in das Landesparlament. Mit Matthias Platzeck als Umweltminister und Marianne Birthler als Bildungsministerin gehörte Bündnis 90 auch dem ersten Brandenburger Kabinett an.

Auf der Bundesebene gelingt Bündnis 90 der Einzug in den Bundestag, die Grünen dagegen flogen bei der ersten Parlamentswahl nach der Wiedervereinigung spektakulär aus dem Parlament. 1993 beschlossen deswegen beide Parteien die Fusion. "Für mich war damals Schluss", sagt Polster. "Ich gehörte zu denen, die die Fusion mit den Grünen nicht gewollt haben." Viele Bürgerrechtler hätten damals die CDU dafür kritisiert, dass West und Ost so schnell fusioniert seien. "Und jetzt sollten wir dasselbe machen", erinnert sich Polster. "Zumal manche Grünen im Westen zu DDR-Zeiten mehr mit Honecker geredet hatten als mit der DDR-Opposition."

Polster entscheidet sich wie vier der sechs Landtagsabgeordneten. Er macht die Fusion nicht mit, wechselt zum entstehenden Bürgerbündnis. "Aber das Bürgerbündnis war am Ende zu schwach, um erfolgreiche Politik machen zu können", erinnert sich Polster.

Und bei den Landtagswahlen 1994 fliegen Bündnis 90/Die Grünen ebenso wie das Bürgerbündnis aus dem Parlament. "Ich habe zu vielen Mitstreitern von damals und zu vielen Grünen von heute ein enges Verhältnis", bilanziert Polster heute. "Ich teile nicht alle Positionen dieser Partei, aber zum Beispiel in der Energie- und Kohlepolitik liegen wir auf einer Wellenlänge: Hier hat die Landesregierung nie den Mut besessen, sich klar für einen Ausstieg auszusprechen."

Heute wünsche er den Grünen, dass sie an diesem Thema dran bleiben. "Meine Lebenserfahrung ist, dass man Dinge durchhält, wenn man erkennbar bleibt, und nicht immer wieder umfällt", sagt Polster. "Es geht nicht um Populismus, sondern um Standhaftigkeit und Durchhalten - und genau das wünsche ich den Grünen."