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Als 1997 die Oderdeiche brachen

Ziltendorf. Die Ziltendorfer Niederung verwandelt sich vor 20 Jahren in einen mehr als 4500 Hektar großen See. Die Oder führt Hochwasser, durch zwei Deichbrüche werden 250 Häuser überflutet. Die Bilder verfolgen viele Betroffene bis heute. Jeanette Bederke

Die Thälmann-Siedlung in der idyllischen Ziltendorfer Niederung südlich von Frankfurt (Oder) ist ein hübsches Dörfchen mit schmucken Häusern, liebevoll gestalteten Vorgärten und einer gepflegten Dorfmitte mit Bürgerhaus und Feuerwehr. Außer einem in der Mitte zerbrochenen, riesigen Findling erinnert äußerlich nichts mehr an die verheerende Flut vor 20 Jahren, die den rund 200 Dorfbewohnern binnen kürzester Zeit die Heimat nahm. Die Erinnerungen bei den einstigen Hochwasseropfern sind allerdings noch allgegenwärtig.

"Vergessen ist dieser Sommer 1997 nicht. Da gibt es viele schlimme Erinnerungen", sagt Eberhard Schulz. Das unter Wasser stehende Firmengebäude des einstigen Elektromeisters im Zentrum des Dorfes war damals ein beliebtes Fotomotiv. Später, als das Wasser wieder weg war und es ans Aufräumen ging, türmte sich daneben ein riesiger Sperrmüllhaufen nicht mehr brauchbaren Hausrats aus der ganzen Siedlung. "Am Anfang herrschte die pure Verzweiflung, denn die Leute hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren", erinnert sich Danny Langhagel (CDU), heute ehrenamtlicher Bürgermeister in Ziltendorf (Landkreis Oder-Spree), zu dem die Thälmann-Siedlung gehört. Vor 20 Jahren kämpfte er als Katastrophenschützer beim Deutschen Roten Kreuz in Frankfurt (Oder) gegen die Flut. Sein Zuhause war damals nicht betroffen.

Langhagel erinnert sich an die große Dankbarkeit bei den insgesamt in der Ziltendorfer Niederung betroffenen 400 Familien, als eine große Spendenwelle aus ganz Deutschland die Hochwasseropfer an der Oder erreichte. Die Bewohner waren bereits einen Tag vor den Deichbrüchen vorsorglich in Sicherheit gebracht worden. "Nicht zu leugnen ist, dass viele Häuser nach der dadurch finanzierten Renovierung schöner sind als vorher", sagt Langhagel. Früher habe es geheißen: "In der Thälmann-Siedlung wirst Du mit Gummistiefeln geboren", erzählt er schmunzelnd.

"Unser Dorf ist schöner geworden, das gesamte Umfeld konnte gestaltet werden. Wir haben tolle Radwege, die Touristen gern nutzen", ergänzt der 73-jährige Schulz. Hätte es diese finanzielle Unterstützung nicht gegeben, wären wohl viele Betroffene weggezogen. So aber gingen nur einige wenige, um woanders neu anzufangen.

Mit einem Gedenkgottesdienst im Ziltendorfer Gemeindezentrum soll heute an das verheerende Hochwasser erinnert werden. "Wir wollen das Jubiläum dann hier am Bürgerhaus mit einer kleinen Feier fortsetzen, wie wir es an diesem Datum alljährlich zu unserem Volksangeltag machen", sagt Danny Busse, Amtsdirektor des Amtes Brieskow-Finkenheerd (parteilos), der vor 20 Jahren noch in Frankfurt (Oder) studierte. Zu feiern gebe es in Erinnerung an die Flut eigentlich nichts, sagt der frühere Elektromeister Schulz. "Die Hochwasserzeit hat bei allen Betroffenen ziemlich an den Nerven gezerrt, die schrecklichen Bilder bleiben im Kopf."

Manch einer will somit eigentlich lieber nicht an die dramatischen Ereignisse erinnert werden. Zu ihnen gehört Familie Jädicke am südlichen Ende der Thälmann-Siedlung. In ihrem Haus war durch den Druck der Wassermassen die Ölheizung geplatzt und hatte das gesamte Gebäude verseucht. "Bis in den September 1997 hinein haben wir versucht, es zu retten", erinnert sich Monika Jädicke. Dann, als die meisten Nachbarn schon wieder in ihre renovierten Häuser einzogen, musste ihr Zuhause doch noch abgerissen werden.

"Der Gestank ging einfach nicht weg. Dafür waren aber Fotos und andere Erinnerungsgegenstände unwiederbringlich verloren", sagt Jädicke, die sich in dem später neu gebauten Haus bis heute nicht so richtig heimisch fühlt. Zudem bleibe die Angst vor jedem neuen Hochwasser. "Noch einmal würde ich so etwas nicht durchstehen", sagt sie.

Die Gedenkveranstaltung kommt - historisch gesehen - zu früh. Denn die beiden Oderdeichbrüche, die die Ziltendorfer Niederung binnen kürzester Zeit voll laufen ließen, ereigneten sich am 23. und 24. Juli 1997. Damals Betroffene sind verstimmt, weil der Landkreis Oder-Spree aus logistischen Gründen die zentrale Gedenkfeier am 15. Juli in Eisenhüttenstadt organisiert.

"Es wäre angemessen gewesen, diese Veranstaltung am Ort der damaligen dramatischen Geschehnisse anzusiedeln, also hier bei uns", kritisiert der Amtsdirektor, der wie viele Ziltendorfer die Entscheidung der Kreisverwaltung nicht nachvollziehen kann. "Eisenhüttenstadt war nicht wirklich von der Flut betroffen. Wir damaligen Hochwasseropfer sind alle älter geworden. Von uns fährt keiner zum Gedenken nach Hütte", sagt Schulz fast trotzig.

Zum Thema:
DasJahrhundert-Hochwasser an der Oder hat im Juli und August 1997 die Menschen in Deutschland, Polen und Tschechien in Atem gehalten. Die Pegelhöchststände in Ratzdorf lagen bei 6,88, in Frankfurt 6,57 bei Metern. Nach Deichbrüchen in Brandenburg waren 6000 Hektar Land überflutet. Rund 5200 Menschen aus 17 Dörfern müssen ihre Häuser verlassen. In Polen und Tschechien kommen 104 Menschen um, in Deutschland gibt es keine Todesopfer. Mehr als 45 000 Helfer sind im Einsatz, darunter 30 000 Bundeswehrsoldaten. 8,5 Millionen Säcke werden mit insgesamt 117 000 Tonnen Sand gefüllt. Der Schaden in Brandenburg liegt bei 648 Millionen Mark. Spendenaufrufe für Betroffene bringen rund 130 Millionen Mark.