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Abenteuer Quappenfang: die Winterangler von der Oder

Angelfreunde aus Baden-Württemberg hoffen bei Einbruch der Dunkelheit an der Oder bei Bleyen auf einen erfolgreichen Fang.
Angelfreunde aus Baden-Württemberg hoffen bei Einbruch der Dunkelheit an der Oder bei Bleyen auf einen erfolgreichen Fang. FOTO: dpa
Seelow. Zurzeit wird das Ufer zum Abenteuerspielplatz für kälteresistente Männer. In Scharen machen sie bei Minusgraden Jagd auf einen besonderen Fisch. Jeanette Bederke / dpa/uf

Wer in diesen Tagen einen Spaziergang zur Oder macht, sieht sie am Ufer sitzen: hartgesottene Angler. Ausgerüstet mit Gaskocher, Wasserkanister, Zelt, Hocker und wetterfester Kleidung postieren sie sich auch in den unangenehmsten Winternächten am Grenzfluss, um Quappen zu angeln. "Nur bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, nasskaltem Schmuddelwetter und Dunkelheit beißen diese Raubfische", sagt Joachim Engel aus Gorgast (Märkisch-Oderland), der lange als Fischereiaufseher an der Oder gearbeitet und Quappen schon als Kind geangelt hat.

Die unter Fischliebhabern als sehr schmackhaft geltenden Fische sind bei Petrijüngern begehrt, nicht nur weil sie als besonders vorsichtig gelten und nachtaktiv sind, sondern auch weil sie aufgrund ihrer gefleckten Schuppen "schwimmende Leoparden" genannt werden. "Die Tiere haben etwas Mystisches, sind Futter für Anglerlatein", erzählt der Berliner Steffen Kunath, der jeden Winter mit zwei Freunden zum Quappenabenteuer aufbricht.

Lediglich von November bis Februar, wenn sie von der östlichen Ostsee und dem Oderhaff aus in die Laichgebiete in der Oder und der Warthe wandert, ist diese Dorsch-art in Ostbrandenburg zu fangen. "Weil sie dabei äußerst gefräßig sind, haben Angler überhaupt eine Chance, den gewitzten Fisch zu fangen", berichtet Angler Engel.

Die naturbelassene Oder ist deutschlandweit einer der wenigen Flüsse, den Quappen noch zum Laichen nutzen. Einst war die Quappe im Oderbruch stark verbreitet, sodass sogar ein Fischer-Örtchen - Quappendorf - nach ihr benannt wurde. In ganz Mitteleuropa ist ihr Bestand laut Engel heute dagegen rückläufig. In einigen Regionen ist sie bereits geschützt.

Die Jagd nach den auch "Rutten" genannten Fischen sei wie ein Rausch, ähnlich müsse es einst den Goldsuchern in Amerika gegangen sein, bekennt der 64-Jährige. Der Fisch müsse quasi ausgesessen werden, könne die Nerven des Anglers schon ziemlich strapazieren. "Blinder Eifer ist da fehl am Platze." Auch wenn man sich kaum bewege, sei das Quappenangeln aufgrund der Kälte körperlich anstrengend, bestätigt Quappenfan Kunath. "Ohne Thermoanzug geht das überhaupt nicht."

Der vergangene Winter hingegen war zu mild, die Fische wurden träge und bissen nicht. Quappenjäger gingen zumeist leer aus, erinnert sich Oderfischer Andre Schneider aus Kuhbrücke (Märkisch-Oderland). "In diesem Jahr hingegen wurden schon so einige Exemplare, so zwischen 50 und 75 Zentimetern groß, gefangen", weiß er von seinen Gästen.

Die Fischerei am Oderufer ist für viele Angler ein erster Anlaufpunkt. Schneider kennt viele gute Stellen, berät auch zu Ködern oder günstigen Wasserständen und vermietet Übernachtungszimmer. Er selbst geht allerdings seit zwei Jahren nicht mehr auf Quappenjagd. "Mir wurden immer wieder Reusen gestohlen", winkt der Fischer ab. Weil allerdings auch die kulinarische Nachfrage so groß ist, kauft er Quappen aus dänischen Zuchtanlagen an und bietet sie in seinem Fischimbiss nahe des Grenzüberganges Küstrin-Kietz an.

Wie gefragt Quappengerichte sind, weiß auch der frühere Gastwirt Wolfgang Schalow. "Dieser Winterfisch ist ein echter Gaumenschmaus, den man vielfältig verarbeiten kann - braten, kochen und räuchern", schwärmt der 74-Jährige, der in seinem Restaurant in Marxdorf bei Seelow während der alljährlichen Quappenzeit früher Gäste aus ganz Deutschland begrüßte.

Den fangfrischen Fisch bekam er von einem polnischen Angler, der in der Warthe auf die Jagd ging. "Der Nebenfluss der Oder ist ruhiger, da hat man eher Angelglück", weiß Schalow, der sich im Ruhestand im "Oder Culinarium" engagiert, einem Zusammenschluss von Köchen der Region.