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180-Grad-Wende für Wandlitz

Die Historikerin Dr. Elke Kimmel vor dem ehemaligen Wohnhaus von Walter Ulbricht in der Waldsiedlung Wandlitz.
Die Historikerin Dr. Elke Kimmel vor dem ehemaligen Wohnhaus von Walter Ulbricht in der Waldsiedlung Wandlitz. FOTO: dpa
Bernau/Wandlitz. Hermetisch abgeriegelt, abgehoben und fast versteckt lebte die SED-Führung in der Waldsiedlung Wandlitz nahe Berlin. Fast 28 Jahre nach dem Mauerfall ist von der Historie nicht mehr viel zu sehen. Georg-Stefan Russew

Der grüne Zaun ist fast komplett verschwunden. Autos drängeln sich über asphaltierte Wege der heutigen Reha-Klinik. Patienten spazieren durch den Park und die Waldlandschaft. Als markantes Element der DDR-Historie ist das gusseiserne Eingangstor noch zu sehen.

Das Ensemble der sanierten Einfamilienhäuser der SED-Spitzenfunktionäre erinnert nur noch entfernt an die abgeschottete Siedlung von einst.

Damit sich nachfolgende Generationen vom Politik- und Lebensstil der SED-Machtelite, deren Privilegien und der Realität der DDR-Bevölkerung ein Bild machen können, stellt das Land Brandenburg jetzt Teile des SED-Privatrefugiums unter Denkmalschutz. Dazu gehören das Eingangstor, die Villa des einstigen Machthabers Walter Ulbricht samt Bibliothek sowie der frühere Funktionärsclub. Er ist heute ein Kursaal, wie Klinikbetreiber Kurt-Josef Michels erklärt.

Damit vollzieht Brandenburg nun knapp 28 Jahre nach dem Fall der Mauer eine Wende. Einst hatte das Land den Denkmalschutz-Status für das Areal abgelehnt. Die Begründung damals: Das Gebäude-Ensemble habe keine architektonischen Besonderheiten. Zudem sei der zentrale Charakter der Siedlung verschwunden, weil die massive Umzäunung weg sei, erklärt der Sprecher des Kulturministeriums, Stephan Breiding. Außerdem lag Anfang der 1990er-Jahre der Fokus auf dem Erhalt des baukulturellen Erbes Brandenburgs vor 1945, hieß es.

Nun gebe es ein gestiegenes Interesse der Öffentlichkeit, kommentiert der Sprecher das Umdenken. "Ich kann nur sagen, dass ich die Unterschutzstellung begrüße", erklärt Michels. Er habe sich fast drei Jahrzehnte mit Denkmalschutzfragen allein gelassen gefühlt.

Der Klinikbetreiber übernahm die Waldsiedlung 1990 vom damaligen Landkreis Bernau. Zuvor mussten alle SED-Funktionäre das Areal bis Ende Januar 1990 verlassen. Das DDR-Gesundheitsministerium quartierte alsbald Reha-Patienten der DDR-Sozialversicherung ein. Im Mai 1990 wurde Michels nach eigenen Angaben die Waldsiedlung angeboten. Er betreibt mit seinem Bruder bundesweit sechs Kliniken, zehn Pflegeeinrichtungen, Hotels und Ferienwohnungen.

Auch wenn viele DDR-Bürger vermuteten, dass es goldene Wasserhähne gab und märchenhafte Verhältnisse in der Waldsiedlung herrschten, kam schnell Ernüchterung auf. "Für DDR-Verhältnisse war das schon Luxus, hatte mit westlichem Lebensstil nur wenig zu tun", erklärt Historikerin Elke Kimmel. Bei einer Besichtigung von Michels mit dem damaligen Rentenversicherungschef Herbert Rische erklärte der BfA-Präsident: "Die 23 Häuser entsprechen nicht unserem Standard! Da müssen Sie bauen." Michels erhielt ein Erbbaurecht für 99 Jahre, zog ein zen trales Klinikgebäude in der Waldsiedlung hoch und sanierte 22 der 23 Funktionärshäuser. Um Denkmalschutz musste er sich dabei wenig kümmern.

Rückendeckung erhielt er vom damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und seiner Gesundheitsministerin Regine Hildebrandt. Der SPD-Politiker habe ihm erklärt, er könne mit den Häusern machen, was er wolle, so Michels. Ulbricht habe die DDR quasi erfunden, Honecker habe sie gegen die Wand gefahren, erinnert sich der Unternehmer an die Worte Stolpes. Aber "lassen Sie mir das Haus Ulbricht so zurück. Das wird in der Geschichte der DDR irgendwann einen großen Stellenwert haben." Jetzt scheint dieser Zeitpunkt gekommen zu sein.

Zum Thema:
In der abgeschirmten Siedlung in der Nähe von Berlin wohnten die SED- und Staatschefs Walter Ulbricht, Erich Honecker und Egon Krenz. Auch Ministerpräsident Willi Stoph, Gewerkschaftschef Harry Tisch und andere Politbüromitglieder lebten mit ihren Familien in der Anlage. In der dortigen Kaufhalle gab es Westwaren und andere Güter, die sonst in der DDR kaum erhältlich waren. Normale DDR-Bürger hatten keinen Zutritt. Baustart für die Waldsiedlung war 1958. Bis 1979 ließ sich die DDR-Führung ihre Sonderversorgung eine Million D-Mark pro Jahr kosten. Bis 1989 stieg diese Summe bis auf 8,6 Millionen D-Mark an. Nach der Wende wurde auf dem Gelände die Brandenburg-Klinik eröffnet.