Von Benjamin Lassiwe

Es geht um Kräuterschnaps und Räucherfisch, Biomilch und regionales Bier. In den Berliner Messehallen unter dem Funkturm beginnt heute die weltgrößte Ausstellung der Ernährungs- und Landwirtschaft, die Internationale Grüne Woche. Auch Brandenburg präsentiert sich dort in der Brandenburg-Halle 21b – aber wo liegen eigentlich die Herausforderungen für die regionale Landwirtschaft? Und vor welchen Problemen liegt die Branche? Hat Brandenburgs Landwirtschaft wirklich einen Grund, unter dem Funkturm groß zu feiern?

„Unsere größte Herausforderung ist es, dafür zu sorgen, dass wir Planungssicherheit haben“, sagt Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) der RUNDSCHAU. Dies gelte besonders im Blick auf die neue Förderperiode der Europäischen Union. Da bräuchten die Landwirte Planungssicherheit. Dazu müsse die Vermarktung der Brandenburger Produkte besser werden. „Wir haben mit der Millionenstadt Berlin einen riesigen Markt mitten in Brandenburg.“

Die Probleme in der Vermarktung sehen auch andere Akteure: „Das Land hat geniale Bedingungen“, sagt der Geschäftsführer des Forums Natur, in dem sich die Brandenburger Landnutzerverbände zusammengeschlossen haben, Gregor Beyer. „Aber es ist bis heute nicht gelungen, ein auf Berlin abgestimmtes Konzept zu entwickeln – wir sind zu schwach, um selbst Produkte zu definieren.“ Das Land habe keine Vision für seine Landwirtschaft. Dazu kämen handwerkliche Fragen: Fördergelder würden oft zu spät ausgezahlt, die Verwaltung funktioniere an vielen Stellen nicht mehr. „Das ist für viele Betriebe eine Katastrophe“, sagt Beyer. „Und wer keine Planungssicherheit mehr hat, der hat auch keinen Mut mehr, Innovationen auszuprobieren.“

Das Vorstandsmitglied des Landesbauernverbands, Ulrich Benedix, verweist im Gespräch mit der RUNDSCHAU darauf, dass den Brandenburger Bauern vor allem Schlachtkapazitäten fehlten. Derzeit müssten Brandenburger Bauern ihre Tiere in andere Bundesländer fahren, wenn es an die Schlachtung geht. „Uns geht es um Regionalität und ein Schließen der Wertschöpfungskette“, sagt Benedix. „Wer mehr regionales Fleisch will, muss hier auch schlachten können – es dient ja auch weder dem Tierschutz noch dem Klimaschutz, wenn man Rinder erst einmal hunderte Kilometer durch die Gegend fährt.“

Der Agrarexperte der Grünen, Benjamin Raschke, sieht ähnliche Probleme – aber nicht bei den Schlachthöfen. „Wir haben die allergrößten Probleme bei Obst und Gemüse“, sagt er der RUNDSCHAU. Das Land Berlin habe eine Woche lang getestet, ob es möglich sei, an allen Schulen nur Bio-Produkte aus Brandenburg anzubieten. Das Ergebnis sei gewesen, dass es nicht genügend Kartoffeln und kein Apfelmus gegeben habe, und der verwendete Hokkaido-Kürbis die halbe Jahresernte eines Bauern umfasst habe. „Das Land hat eine Gartenbaukonzeption entwickelt“, sagt Raschke. „Aber sie enthielt keine Maßnahmen – erst durch den Druck des Gartenbauverbands in Zusammenarbeit mit der Opposition haben wir da etwas erreicht.“

Gegenüber der RUNDSCHAU kündigt Landwirtschaftsminister Vogelsänger indes an, dass die Gartenbaukonzeption einer der Schwerpunkte der Landwirtschaftspolitik bis zu den Landtagswahlen im September werden solle. „Mit der Landesgartenschau in Wittstock haben wir ein besonderes Jahr“, sagt Vogelsänger. Und der Gartenbau und die Landwirtschaft seien Wachstumsbranchen. Doch die Landwirtschaft müsse sich auch für den Klimawandel modernisieren. „Da sind wir noch nicht vollständig fit“, sagt Vogelsänger.

Auch der Bauernverband mahnt an dieser Stelle Verbesserungen an. „Was uns fehlt, ist das Lehr- und Versuchswesen, wo wir klimaangepasste Sorten auf den Weg bringen“, sagt Benedix. Die Klimaereignisse der letzten Jahre, vor allem die Dürre 2018 hätten dazu geführt, dass viele Betriebe weiter in einer höchst angespannten Lage seien. „Die 15 000 Euro Landesmittel zum Futterzukauf reichen nicht aus, und die Dürrehilfen sind doppelt überzeichnet“, sagt Benedix. „Das dicke Ende wird erst im Frühjahr kommen, wenn das Futter alle ist.“ Es gebe in der Branche große Sorgen, wie man die Tiere durchbekommen solle.

Raschke dagegen macht sich weiter Sorgen um den Tierschutz. „Unsere letzte Anfrage hat gezeigt: Nichts vom Tierschutzplan wurde umgesetzt – noch immer leben Sauen in Kastenständen, noch immer gibt es Ställe, die dem Brandschutz nicht entsprechen.“ Das erfolgreiche Volksbegehren habe gezeigt, dass es eine große gesellschaftliche Mehrheit für den Tierschutz gebe. „Aber der Minister blockiert das eben.“

Und Beyer mahnt gerade bei diesem Punkt eine stärkere Einbeziehung der Verbände und deren Expertise auch beim Thema Tierschutz an. „Immer wenn in Brandenburg eine erfolgreiche Volksinitiative kommt, springt man drauf, geht zum Schein darauf ein, und macht dann aber nichts“, sagt Beyer. „Das ist aber keine innovative Art und Weise, Politik zu machen.“
Heuschrecken, Algen & Co. – auf www.lr-online.de finden Sie einen Bericht über neue Ernährungstrends, die auf der Grünen Woche eine Rolle spielen.