Von Bodo Baumert

Deutschlands Polizeibehörden rüsten auf im Kampf gegen Cybercrime, also das Verbrechen in und mit dem Internet. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat Ende vergangenen Jahres angekündigt, eine eigene Abteilung für sogenannte Cybercops einzurichten. „Wir werden den Ressourceneinsatz in den nächsten Jahren mehr als verdoppeln“, kündigte BKA-Präsident Holger Münch an.  Aktuell seien in der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität beim BKA über 100 Mitarbeiter mit Cyber-Delikten befasst.

Auch in den Ländern setzt sich die Polizei zunehmend mit dem Phänomen Cybercrime auseinander. In Brandenburg hat die Polizei ihre entsprechenden Kompetenzen bereits Ende 2016 im Cyber Competence Center (CCC) in Potsdam gebündelt. Dort sitzen nicht nur Internet-Ermittler, sondern auch Techniker und Forensiker, die beschlagnahmte Computer oder Handys auslesen, überprüfen und die entsprechenden Auswertungen für die Kollegen in den anderen Abteilungen der Polizei zur Verfügung stellen.

 Eine Ausweitung der Abteilung ist  derzeit nicht geplant, wie Sprecher Torsten Herbst vom Polizeipräsidium in Potsdam erläutert. Ohnehin fällt es den Brandenburger Polizisten schwer, genügend geeignete Bewerber für die ausgeschriebenen Stellen zu finden. „Der Markt ist für solche Fachkräfte rund um Berlin nicht einfach“, gibt Herbst zu bedenken. Durch Weiterbildung in den eigenen Reihen soll die Lücke zum Teil geschlossen werden.

Die sächsischen Cyberkompetenzen sind in Leipzig gebündelt. Dabei soll es aber nicht bleiben, wie der neuer Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar kürzlich erläutert hat. „Jetzt müssen wir den zweiten Schritt gehen und diese Spezialisten in die Polizeidirektionen vor Ort geben.“ Derzeit würden an der Polizeihochschule in Rothenburg in der Oberlausitz zehn „Cybercops“ pro Jahr ausgebildet.

 Die Aufgaben der Cybercrime-Spezialisten sind vielfältig und nehmen ständig zu. Neben der technischen Hilfeleistung für andere Abteilungen – das reicht vom Auslesen von Computern oder Handys bis zur technischen Überwachung und zum Erstellen von Gutachten – sind die Cybercops auch zur Verbrechensbekämpfung im Netz im Einsatz. „Erpressungen und Diebstahl finden heute übers Internet statt, das nimmt immer mehr Raum ein“, sagt Sachsens Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar.

Zu konkreten Fällen, an denen Brandenburger Cybercops gerade arbeiten, hält sich das Polizeipräsidium bedeckt. Zu komplex sind die oft im Verbund mit anderen Landeskriminalämtern, dem BKA und ausländischen Behörden geführten Verfahren. Zudem liegt die Pressehoheit oft bei den Staatsanwälten.

Womit es die Ermittler im Internet zu tun haben, zeigt ein aktueller Fall aus Mecklenburg-Vorpommern. Internetermittlern aus mehrere Ländern war es Anfang Dezember gelungen, nach monatelangen, umfangreichen Ermittlungen den Betreiber einer Kinderpornografie-Plattform im Darknet ausfindig zu machen und die Plattform schließen zu lassen. Hinweise auf mehrere Hundert Nutzer und 300 000 illegale kinderpornografische Dateien konnten sichergestellt werden.

Ein anderes Beispiel: Kurz vor Silvester gelang es deutschen Ermittlern, einen Onlineshop für Pyrotechnik in Polen hochgehen zu lassen, der Feuerwerkskörper ohne die nötige Erlaubnis vertrieb. 53 Wohnungen und Sprengstofflager wurden in Deutschland durchsucht, auch in Brandenburg und Sachsen. 74 Pakete mit gefährlichen Böllern auf dem Weg zu Käufern wurden bei Paketdienstleistern sichergestellt.

Kriminalität im Netz und außerhalb, das lasse sich schon lange nicht mehr trennen, erläutert BKA-Präsident Holger Münch. „Eine erfolgreiche Phishing-Attacke führt dazu, dass das Geld auf dem Konto tatsächlich weg ist. Eine Cyberattacke auf kritische Infrastruktur kann zu einem echten Stromausfall mit Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft führen, und über das Internet vertriebene Kinderpornografie stellt immer einen echten Kindesmissbrauch dar“, so Münch auf der Herbsttagung des BKA.

Um dem begegnen zu können, braucht die Polizei neben top ausgebildeten Mitarbeitern auch die nötige Technik. Die soll nun möglichst rasch folgen. Polizei 2020 heißt das Programm dazu. „Es braucht drei Dinge“, erklärt Münch. „Erstens eine gemeinsame digitale Plattform der deutschen Polizei. Zweitens eine neue Form von Arbeitsteilung bei der Entwicklung von Fähigkeiten. Und drittens eine Bund-Länder-Zusammenarbeit, die Themenführerschaft festlegt und damit schneller und agiler wird.“

Denn nur mit Technik alleine ist es nicht getan. „Wir brauchen neue Technik, ja – aber viel dringender brauchen wir eine neue Kultur in der Polizei“, so Münch. „Wir brauchen eine Grundhaltung, die das Gegenteil des alten Verwaltungsgrundsatzes – Paragraf 1: Jeder macht seins – ist“. Dazu seien auch einheitliche Polizeigesetze nötig, über die in Brandenburg und Sachsen etwa derzeit heftig gestritten wird. Münch nennt das Beispiel eines Botnetzes – also eines Netzwerks aus illegal gekaperten und fremdgesteuerten Geräten –, das die britische Polizei entdeckt hatte. Nun wollten die Briten die befallenen Geräte von der Schadsoftware reinigen. Das durften sie bei den in Deutschland gefundenen Geräten aber nur mit Erlaubnis der deutschen Behörden. Da die Briten aber nicht sagen konnten, in welchem deutschen Bundesland sich welche Geräte befinden, hätten im föderalen Deutschland alle Bundesländer zustimmen müssen. Das wiederum gaben nicht alle Landespolizeigesetze her. „Das bedeutete im Ergebnis: Die Bereinigung fand nicht statt“, so Münch.

Auch bei der Abwehr von Internetattacken muss sich Deutschland noch besser aufstellen. Das hat der jüngste Fall eines  20-Jährigen gezeigt, der die Accounts von  rund 1000 Politikern, Prominenten und Journalisten gehackt und Daten im Internet veröffentlicht hatte.

Neben dem BKA und den Polizeibehörden der Länder spielen da auch  das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das Cyber-Abwehrzentrum, die Cyber-Abwehr der Bundeswehr und der Bundesnachrichtendienst eine Rolle. Es stelle sich die Frage, ob Deutschland mit dieser Vielzahl an Behörden, die für die Cybersicherheit zuständig sind, wirklich gut aufgestellt sei, kritisiert der innenpolitische Sprecher der SPD, Burkhard Lischka. Der aktuelle Fall wirke auf ihn wie „Wilder Westen“, bei dem „jeder Sheriff für seinen Sprengel zuständig ist, aber keiner so richtig weiß, was sein Nachbar macht“.

Der Leiter Cybersicherheit bei der Deutschen Telekom, Thomas Tschersich, spricht sich zudem für härtere Strafen aus. „Viele Gerichte behandeln den digitalen Einbruch immer noch wie ein Kavaliersdelikt.“ Dabei hätten heute viele Menschen auf ihren Computern Informationen, die wertvoller seien, als die Gegenstände in ihrer Wohnung. „Also sollte der digitale Einbruch genauso hart bestraft werden wie der tatsächliche Wohnungseinbruch“.

(mit dpa)