Von Benjamin Lassiwe

Pünktlich 13 Uhr fährt die Limousine mit dem Bundesadler auf der Motorhaube vor dem Museum in Neuruppin vor. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Kulturministerin Martina Münch (SPD) sowie der Neuruppiner Bürgermeister Jens-Peter Golde stehen schon wartend vor dem Eingang. Herzlich begrüßen sie den Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, und seine Gattin Elke Büdenbender. „Wenn das Wetter gut ist, ist die Landesregierung daran Schuld“, sagt Ministerpräsident Dietmar Woidke. Dann verschwinden sie im Museum.

Steinmeier steht auf „Herrschaft“

Was Steinmeier in Neuruppin macht? In der Kreisstadt am Ruppiner See wurde vor 200 Jahren, im Dezember 1819, der märkische Heimatdichter Theodor Fontane geboren. Am Samstag wurde dort das Brandenburger Fontane-Jahr 2019 eröffnet. Und im Stadtmuseum von Neuruppin findet derzeit die Leitausstellung zum Fontane-Jahr statt, die sich mit den Wortschöpfungen und den Werken des Schriftstellers beschäftigt. In einem Raum zum Beispiel sind die Hauptfiguren aus „Effi Briest“ als Würfel einer Skulptur dargestellt, rosafarbene Plastikbänder zeigen die Verbindungen zwischen ihnen. Und auf dem Fußboden finden sich Worte aus Fontanes Werken. Dort findet wenig später ein Fototermin statt. Steinmeier steht zufällig auf „Herrschaft“ und erzählt, dass er extra zur Vorbereitung dieses Termins noch einmal den „Stechlin“ gelesen habe. Wenig später, als in der Kulturkirche der Festakt zur Eröffnung des Fontane-Jahres stattfindet, lässt der Bundespräsident an seinen Lesefrüchten teilhaben. Theodor Fontane habe die Mark Brandenburg „in gewisser Weise wandernd und schreibend erfunden“, würdigt der Bundespräsident. Er habe die Menschen gelehrt, die „verborgenen Schönheiten“ der Region ebenso wie „ihren Glanz und ihre Melancholie, ihre Geschichte und ihre Wirkungen auf das menschliche Gemüt zu sehen und zu begreifen“.

Vor allem aber habe Fontane immer großen Wert auf das Gespräch gelegt. In Gesprächen kämen die Menschen aus der „eigenen, beschränkten Welt immer ein Stück weit heraus“, sagt Steinmeier. „Da­ran sollten wir auch im dreißigsten Jahr der deutschen Einheit denken.“ Der Bundespräsident spricht sich für mehr und für intensivere Gespräche zwischen Ost und West aus. Denn nichts sei so belastend wie das „Ungesagte und das Ungehörte“. Und am Tag nach der dritten Niederlage von Theresa Mays Brexit-Plan im englischen Unterhaus betont Steinmeier, die Lektüre der Bücher Theodor Fontanes lasse auch die Aufforderung hören, es nicht noch einmal zu einem „Untergang Europas“ kommen zu lassen. „Indem wir nämlich miteinander reden – über die Grenzen hinweg, wie er es die längste Zeit seines Lebens praktiziert hat“, so das Staatsoberhaupt. Macht Steinmeier Fontane damit aktueller, als er es eigentlich ist? Immerhin verbrachte ja auch der märkische Dichter einige Zeit als Auslandskorrespondent in London. An den heutigen Debatten dort hätte er wohl lebhaft Anteil genommen.

Fontanes Welt war auch im Wandel

Insgesamt jedenfalls hören rund 1000 Menschen in der Kulturkirche und in einem Zelt davor die Worte des Bundespräsidenten. Neben Woidke und Münch haben auch Landtagspräsidentin Britta Stark, Innenminister Karl-Heinz Schröter, Verkehrsministerin Kathrin Schneider (alle SPD) und Oppositionsführer Ingo Senftleben (CDU) in der Kirche in Neuruppin Platz genommen. „Brandenburg ist in diesem Jahr Fontane-Land“, sagt Woidke in seinem Grußwort. „Das Jubiläum wird vielfach gelebt: In Kunst und Kultur, im Tourismus und in der Bildung ebenso wie in der Kommunalpolitik, in der gesamten Region genauso wie auf Landes- und Bundesebene.“ Mit dem Fontane-Jahr sei Brandenburg ein großer Wurf gelungen. „Unsere Welt ist im Wandel, die Welt Fontanes war es auch“, sagt Woidke. So wie sein Jahrhundert lange Schatten in die Gegenwart warf, so wirke auch Fontane über sein Jahrhundert hinaus. „Wer die Mark Brandenburg und ihre Menschen verstehen will, der sollte in jedem Fall Fontane lesen und auf seinen Spuren wandeln.“ Realismus sei das Markenzeichen von Fontane gewesen, Pathos sei ihm fremd gewesen. „Und genau damit traf er den Ton, mit dem er die Menschen bis ins Herz erreichte.“