Am 31. Oktober 1517 soll der Legende nach der junge Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen an der Pforte des Gotteshauses in Wittenberg angebracht haben. Ob er das wirklich tat, ist in der historischen Wissenschaft bis heute umstritten. Doch die Wirkung von Luthers Polemik gegen den mittelalterlichen Ablasshandel und seiner Erkenntnis, dass der Mensch nur durch die Gnade Gottes, nicht aber durch seine eigenen Werke und Taten vor dem jüngsten Gericht bestehen kann, ist unbestritten.

500 Jahre nach der Reformation zählen allein die Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbunds rund 70 Millionen Mitglieder. Insgesamt könnte es bis zu 800 Millionen Protestanten geben, also Christen, die einer auf die Reformation zurückführbaren Kirche angehören. Was den 31. Oktober 2017, den 500. Jahrestag des Thesenanschlags, zu einem Weltereignis macht, auf das sich Kirche und Politik in Deutschland schon seit 2007 im Rahmen einer vom damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, angeregten "Lutherdekade" vorbereiten. "Wir müssen der Geschichtsvergessenheit etwas entgegensetzen", sagt der Beauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Pfarrer Bernd Krebs. "Wir wollen daran erinnern, wie Martin Luther und die Reformation zu einer Befreiung der Menschen von ihren Ängsten und Zwängen führten." Im kommenden Jahr will sich die Kirche deswegen auch in Brandenburg gezielt mit dem Thema "Reformation und Politik" beschäftigen: Fragen von Freiheit und Verantwortung werden dann im Mittelpunkt stehen.

Unterstützt wird die Lutherdekade auch von der Politik. Die Bundesregierung stellt seit 2011 jährlich fünf Millionen Euro Fördergelder für Projekte zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums bereit. Unterstützt wurden damit auch Projekte aus der Region: Neben den angesichts der im Jahr 2017 erwarteten Besucherströme nötigen Sanierungsarbeiten etwa an den Wittenberger Kirchen oder dem dortigen Melanchthonhaus konnte sich etwa ein vom Nieskyer "Kulturraum Oberlausitz - Niederschlesien" betriebenes Projekt zu "Gesichtern der Reformation" schon über Zuschüsse freuen. Und während die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am diesjährigen Reformationstag ihr Themenjahr "Reformation und Politik" startet, und obendrein die ersten Vorbereitungen für einen evangelischen Kirchentag und eine "Weltausstellung der Reformation" im Jahr 2017 laufen, rückt das Lutherjubiläum in Brandenburg immer stärker auch auf die politische Tagesordnung. So ist Kultusministerin Sabine Kunst (parteilos) mittlerweile Mitglied in dem von der EKD, dem Bund und den Ländern gegründeten Kuratorium zur Vorbereitung der Lutherdekade geworden.

In Mühlberg an der Elbe, wo sich 1547 der Schmalkaldische Bund der protestantischen Landesfürsten und Städte den Truppen des katholisch gebliebenen Kaisers Karl V. geschlagen geben musste, soll für 1,7 Millionen Euro im früheren Kloster Marienstern ein Reformationsmuseum entstehen. "Das Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation wird 2017 weltweit mit kirchlichen und kulturellen Veranstaltungen, Tagungen und Ausstellungen gefeiert werden", begründet Kunst das Engagement. Was freilich nicht in Mühlberg endet: In Jüterbog etwa predigte einst der Ablassprediger Johann Tetzel, dessen Wirken erst den Zorn des Reformators Martin Luther auf den Ablasshandel provozierte. Und auch andere in der Brandenburger Arbeitsgemeinschaft der Städte mit historischen Stadtkernen zusammengeschlossene Orte, etwa Treuenbrietzen, Herzberg oder Doberlug-Kirchhain, wollen mit einem Projekt zur Reformation im städtischen Kontext vom erwarteten Tourismusboom zum Lutherjubiläum profitieren.