Erneut steht der Messenger-Dienst Telegram heftig in der Kritik. Schon seit Beginn der Pandemie versammeln sich dort in geheimen Chat-Gruppen vor allem Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker wie Attila Hildmann sowie Rechtsextreme. Nun haben sich die Mitglieder einer Gruppe sogar über Mordpläne gegen Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ausgetauscht. Es laufen Ermittlungen und aktuell auch eine groß angelegte Razzia. Aber wieso steht Telegram oft im Mittelpunkt dieser Debatte?
  • Worum geht es in der aktuellen Diskussion um Corona und Telegram?
  • Welche Gruppen stehen im Fokus?
  • Wer sind die „Freien Sachsen“ und „Dresden Offlinevernetzung“?
  • Was ist der „Corona Ausschuss“?
  • Was ist Telegram überhaupt und wieso steht es im Mittelpunkt?
  • Fakten: Gründer und Sitz von Telegram.

Telegram: Aktuelle Diskussion um Corona-Demos und Chat-Gruppen

Telegram gilt Experten zufolge als Plattform für die Organisation der Coronaproteste, die aktuell in zahlreichen deutschen Städten laufen. Zum Teil kam es auch zu Gewalt und Ausschreitungen. Die als rechtsextremistisch geltende Gruppierung „Freie Sachsen“ wirbt auf Telegram für Anti-Corona-Aktionen – und hat mehr als 100.000 Follower oder User. Ebenso auf Telegram-Gruppen zurückzuführen sind die Todesdrohungen gegen Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Angestoßen hatte die Ermittlungen laut Polizei ein Bericht des ZDF-Magazins „Frontal21“ in der vergangenen Woche.
Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat laut einem Medienbericht ein hartes Durchgreifen gegen den Kommunikationsdienst Telegram gefordert. „Wer dort über Monate oder sogar Jahre nur Lügen hört, wird die Wahrheit nicht mehr erkennen“, sagte Kretschmer dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Im Gegensatz zu Twitter und Facebook sehe man bei Telegram kein Bemühen, Grundregeln einzuhalten. „Dort übernimmt niemand Verantwortung. Das geht nicht. Im Internet darf es keine rechtsfreien Räume geben.“ Die Lügen nähmen ein für die Demokratie gefährliches Ausmaß ein.

„Freie Sachsen“ und „Dresden Offline-Vernetzung“ auf Telegram

Die Mitglieder der Chatgruppe „Dresden Offlinevernetzung“ lehnt die Entscheidungen der sächsischen Landesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie ab. Das ist aber nicht alles: Laut Polizei besprachen die Mitglieder Mordpläne gegen Kretschmer und weitere Vertreter der sächsischen Landesregierung. Die Mitglieder der Gruppe gaben demnach im Chat auch an, scharfe Waffen und Armbrüste zu besitzen.
Die Gruppe „Freie Sachsen“, die auch auf Telegram aktiv ist, gilt als rechtsextreme Gruppierung, die gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung wettert. Die Corona-Regeln werden als „Corona-Zwangsmaßnahmen“ bezeichnet. Auf der Webseite heißt es: „Der gemeinsame Grundkonsens der Freien Sachsen ist das Bekenntnis zu einem freiheitlichen Sachsen, das seine historisch gewachsene Identität bewahrt und sich selbstbewusst gegenüber dreisten Vorgaben aus Brüssel und Berlin behaupten kann und will.“

„Corona Ausschuss“ auf Telegram: Was ist das?

Der „Corona Ausschuss“ hat sich im Sommer 2020 gegründet. Auf verschiedenen Plattformen wie Telegram, aber auch YouTube, werden dort mehrstündige Videos zum Thema Corona publiziert. In den Videos wird deutlich, wie sich die Gegner der Corona-Maßnahmen zunehmend radikalisieren. Einer der bekanntesten Gesichter des selbsternannten Ausschusses ist Rainer Fuellmich. Im Frühjahr behauptete er in einer der „Sitzungen“, dass 25 Prozent der Geimpften direkt nach Erhalt der Impfung sterben würden. Heute behauptet er, das nie gesagt zu haben.

Was ist Telegram und welche Rolle spielt der Messenger in der Corona-Debatte?

Telegram ist eine kostenlose Messaging-App, über die sich Nutzer wie über Whatsapp, Signal, Threema oder den Facebook-Messenger austauschen können – mit Textnachrichten, Sprachnachrichten, Videos und Fotos. Telegram-Gruppen können zudem bis zu 200.000 Mitglieder haben. Erstellt man einen sogenannten „Kanal“, können dem sogar unbegrenzt Leute folgen. Solche Kanäle nutzen beispielsweise auch Regierungsportale, um den Bürgerinnen und Bürgern News mitzuteilen. Über Kanäle wird nur publiziert, ohne Interaktion der Follower. Es besteht die Möglichkeit, sogenannte „geheime Chats“ zu erstellen. Es gibt öffentliche und private Gruppen und Kanäle. Diese Form der Kommunikation hat sich jedoch als gefährlich erwiesen, da jede Privatperson, auch mit radikaler Gesinnung, Theorien und Verschwörungen frei zugänglich publizieren und verbreiten. Im Gegensatz zu Facebook, Instagram oder Youtube ist Telegram dafür bekannt, jegliche Inhalte ohne Moderation zuzulassen und nichts zu löschen.

Gründer und Sitz – Fakten rund um Telegram

Der Eigentümer von Telegram ist Pawel Durow. 2013 wurde der Messenger von den Brüdern Nikolai und Pawel Durow gegründet. Vorher hatten die Brüder bereits das meistgenutzte russische soziale Netzwerk Vk.com gegründet. Der 36-Jährige aus Russland sieht sich als „Rebell, als Kämpfer für Meinungsfreiheit und gegen staatliche Überwachung“. Die Basis des Entwicklerteams befindet sich nach eigenen Angaben in Dubai. Pawel Durow bezeichnet sich und sein Team allerdings als „Digitalnomaden“. Im Impressum von Telegram ist keine Anschrift zu finden.