Mysteriöse Kisten“ haben die Brasilianer das geheimnisvolle Strandgut genannt, das zuletzt in großen Mengen an den Stränden des Nordostens aufgetaucht ist. Angespült vom Meer, bleibt es im Sand liegen. Die Staatliche Umweltverwaltung (Adema) des Bundesstaats Sergipe hat sogar eine Hotline eingerichtet, bei der man sich melden soll, wenn man eine Kiste findet.
„Wir bekommen jeden Tag Anrufe für einen anderen Strand“, sagt Jefferson Torres von der Adema-Hotline. Mehr als 350 „mysteriöse Kisten“ – jede rund 80 Kilo schwer – hat die Adema an verschiedenen Stränden des nordöstlichen Bundesstaates in rund einem Monat eingesammelt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit von einem deutschen Schiff stammen, das 1944 vor der Küste Brasiliens gesunken ist.

Kautschukballen werden an die Küste Brasiliens gespült

Die teils bräunlich verfärbten, teils mit Meerestieren besetzten „caixas misteriosas“ sehen tatsächlich aus wie etwas zerfledderte Kisten, die einen Schatz aus dem Ozean enthalten könnten. Es handelt sich bei dem geheimnisvollen Strandgut aber nicht wirklich um Kisten, sondern um Kautschukballen, die das gesunkene Schiff an Bord hatte, wie der Meeresbiologe Luis Bezerra von der Universität des Bundesstaates Ceará und andere Wissenschaftler herausgefunden haben.
Was den Biologen auch auffiel, waren die Seepocken, kleine Krebse, die von weit her sein mussten, weil sie auf dem offenen Meer vorkommen. Zudem mussten die Tiere schon lange unterwegs gewesen sein, weil sie erwachsen waren. Eine Kiste hatte außerdem eine Inschrift: „Product of French Indochina“ (deutsch: Produkt aus Französisch-Indochina). „Mit dieser Inschrift haben wir gesehen, dass die Ballen alt sind“, sagt Bezerra. Die französische Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Laos, Kambodscha und Vietnam bestand bis 1954. Im Internet fanden er und sein Kollege Carlos Teixeira Informationen zu dem Untergang der „Rio Grande“, die auf US-Militärangaben beruhten.

Deutsches Schiff Rio Grande vor der Küste Brasiliens gesunken

Der deutsche Blockadebrecher ist vor rund 80 Jahren auf dem Weg von Japan 1000 Kilometer vor der Küste Brasiliens gesunken, als ihn alliierte Schiffe aufspürten. Die genaue Lage vor der Stadt Recife ist bekannt, seit der britische Wrackforscher David Mearns sie bestimmt hat. Vorübergehend war die „Rio Grande“, die vor dem Zweiten Weltkrieg auf der Route Südamerika – Hamburg unterwegs war, mit fast 6000 Metern das am tiefsten gesunkene Schiff im Guinness-Buch.
Mathematische Modelle mit Winden und Strömungen der Wissenschaftler zeigten: Wenn Kautschukballen aus der „Rio Grande“ frei werden, dann kommen sie just an den Küsten des Nordostens an.  Seit bald drei Jahren tauchen sie regelmäßig auf rund 1600 Kilometern im Nordosten Brasiliens auf. Dass sie dies nun, mehr als 80 Jahre nach dem Untergang der „Rio Grande“, tun, führt Bezerra auf die natürliche Zersetzung des Schiffswracks zurück. Es könnte aber auch sein, dass jemand mit aufwändiger Technik an die wertvolle Fracht, die die „Rio Grande“ außer den Kautschukballen geladen haben soll, heranwollte – Kobalt etwa – und die Ballen dabei ungewollt freisetzte. 

Gefahr für Schildkröten und andere Meerestiere

Forscher der renommierten Umweltorganisation „Projeto Tamar“ machen sich Sorgen, dass die Kautschukballen eine Gefahr für die Meeresschildkröten darstellen könnten. „Die Schildkröten könnten den Gummi fressen und daran ersticken“, sagt der Biologe Fábio Lira. Gleiches gelte auch für andere größere Meeres- und Strandbewohner. dpa