Corona ist vor einem Jahr, am 27. Januar 2020, über die ersten Patienten in Deutschland wie ein Schock gekommen. Mitarbeitende des Auto-Zulieferers Webasto in Stockdorf bei München gelten als die ersten Infizierten. Einer der ersten vier Patienten, bei denen Corona im Januar 2020 offiziell zuerst in Deutschland nachgewiesen wurde, berichtet.
Seinen Namen will der Mann nicht bekannt geben. Wie Dutzende Kollegen sollte er in München vorsorglich zum Corona-Test als Kategorie-1-Kontakt eines Infizierten. „Ich habe mich morgens von meiner Familie verabschiedet mit den Worten: Das wird wahrscheinlich drei Stunden dauern“, sagt der Webasto-Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Eine chinesische Kollegin hatte das Coronavirus mitgebracht, sie war zu Workshops nach Deutschland geflogen und war deshalb mit Webasto-Mitarbeitenden gemeinsam in Arbeitsräumen gewesen. Neun Kollegen sowie sieben Angehörige infizierten sich. Webasto schloss seine Zentrale in Stockdorf bei München und stoppte so die Ausbreitung.

Früher Corona-Patient in Deutschland: Das waren die Symptome

Als er abends zu Hause anrief und sagte, dass er direkt in die Klinik müsse, war die Familie schockiert, sagt der Webasto-Mitarbeiter, der zu den ersten vier Patienten in Deutschland gehört. Auch für ihn selbst sei das Test-Ergebnis schwer fassbar gewesen. „Ich weiß bis heute nicht genau, wie ich mich angesteckt habe“, sagt der Webasto-Mitarbeiter.

Senftenberg, Hoyerswerda, Weißwasser

Belastet habe vor allem die Ungewissheit sowie die Sorge um Frau und Kinder. Diese mussten zu Hause in Quarantäne gehen. Er sei im Krankenhaus isoliert gewesen. Obwohl es ihm bis auf einen Tag mit Schüttelfrost und Fieber gut ging, sei ein Zeitpunkt für die Entlassung immer wieder unklar gewesen, berichtet der Familienvater der dpa weiter.

Corona-Patienten in der Klinik: Erst Ungewissheit, dann Angst

Zu den Kollegen ein paar Zimmer weiter habe es nur über soziale Medien und Telefon Kontakt gegeben. „Ich hatte anfangs keine Angst. Die Angst kam erst, als ich hörte, dass es Patienten schlechter geht - und mit der Aussage der Ärzte, die sagten, sie wüssten nicht, wie lange es dauert. Zwischenzeitlich war auch die Rede davon, dass es einen zweiten Schub geben kann“, sagt der Mann, der zu den ersten vier Patienten Deutschlands zählte.
Während er überrascht feststellte, dass das Duschgel nicht mehr roch, berichtete einer seiner Kollegen von plötzlich eintretenden Vanillegeruch in seinem Zimmer. „Man hat dann immer wieder selbst getestet: mit Kaffee schwarz, mit Milch oder mit viel Zucker - um sicher zu gehen, dass wir wirklich nichts schmecken“, sagt der Webasto-Mitarbeiter.
So sei selbst der Genuss des Bieres, das die Ärzte schließlich den Patienten mit leichtem Verlauf genehmigten, unbefriedigend gewesen: „Ob ich Wasser trank, Cola oder Bier, war egal - ich habe nichts geschmeckt. Es war ein komisches Gefühl.“

Webasto-Cluster: Die ersten Corona-Patienten werden erforscht

Er und seine Kollegen wurden zum Forschungsziel. Wissenschaftler veröffentlichten Studien über das sogenannte Webasto-Cluster. Er habe gern teilgenommen, um zu helfen, sagt der Webasto-Mitarbeiter ein Jahr nach seiner Infektion.
Der Kollege, der keinen Rosenkohl mochte, aß bewusst das eigentlich ungeliebte Gemüse, ein anderer griff zur sonst verabscheuten Banane. Auf diese Selbsttests aufmerksam geworden, prüften die Ärzte der München Klinik Schwabing systematisch die überraschende Geschmacksverwirrung ihrer Patienten – die ersten, die sich in Deutschland vor einem Jahr nachweislich mit Corona infiziert hatten. Geschmacksstörungen sind, das wurde damals klar, Symptome.
Ob er sich neu mit Corona infizieren kann, weiß der Webasto-Mitarbeiter nicht. Immunisierende Antikörper seien in seinem Blut nicht mehr nachweisbar. Er halte sich wie alle anderen an die Corona-Regeln. Ein Jahr ist sein Krankheitsausbruch nun her, manches erschien damals skurril. Doch zum Lachen sei damals keinem der Kollegen gewesen, berichtet der Webasto-Mitarbeiter: „Es war kein Spaß.“