• Bei der Deutschen Bahn wird lange gestreikt, viele Züge könnten ausfallen
  • Die Lokführergewerkschaft GDL fordert mehr Geld für die Beschäftigten
  • Die DB arbeitet bereits an einem Notfahrplan
  • Wann startet der Streik und wie lange dauert er?
  • Werden Ticketpreise erstattet? Und was sind im Fall der Fälle Alternativen?
Der Deutschen Bahn steht ein längerer Streik bevor: Die Lokführergewerkschaft GDL gab am Dienstagvormittag bekannt, dass 95 Prozent der abstimmenden Mitglieder für einen Streik votierten. Die GDL will vom Dienstag, 10.8., 19 Uhr, bis Freitag, 13.8., 2 Uhr streiken. Sie ruft bundesweit ihre Mitglieder auf, nicht zur Arbeit zu erscheinen. Viele Züge werden ausfallen. Los geht es heute Abend im Güterverkehr. Ab morgen, Mittwoch, 11.08., 2 Uhr wird auch der Personenverkehr der DB bestreikt.
„70 Prozent der Mitglieder haben sich beteiligt. Das ist mehr als wir erwartet haben“, sagte GDL-Chef Claus Weselsky auf einer Pressekonferenz. Er warf der Bahn vor, kontinuierlich zu tricksen und zu täuschen. Das derzeitige Angebot des Unternehmens sei „nicht verhandelbar“. Die GDL will nach den Worten Weselskys eine Nullrunde im laufenden Jahr nicht akzeptieren, verlangt eine deutliche Corona-Prämie und Einkommenssteigerungen von 3,2 Prozent bei einer Laufzeit von 28 Monaten.

Pro Bahn kritisiert Streik der Lokführer als zu kurzfristig für Bahnreisende

Der Fahrgastverband Pro Bahn hat den für die kommenden Tage angekündigten Streik der Lokführergewerkschaft GDL bei der Deutschen Bahn kritisiert. „Das ist deutlich zu kurzfristig“, sagte der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann am Dienstag. Die Kunden brauchten mehr Zeit, um ihre Reisen umzuplanen. „Ein Streik richtet sich bei der Bahn nicht nur gegen das Unternehmen, sondern auch gegen weite Teile der Bevölkerung. Viele Fahrgäste können nicht ausweichen.“ Naumann appellierte an die Tarifpartner, weiter zu verhandeln. „Muskelspiele bringen niemanden weiter.“
Die Fahrgastvertreter fordern seit langem, dass die Bahn und ihre Gewerkschaften außerhalb von Tarifkonflikten feste Streikfahrpläne vereinbaren. Damit könne im Streikfall für die Fahrgäste ein verlässliches Notangebot aufrechterhalten werden. Als Beispiel dafür nannte Naumann Italien. Notwendig sei auch die rechtzeitige Ankündigung des Streiks. „Es sollten mindestens 24 Stunden sein, besser noch 48 Stunden.“

Folgen weitere Bahnstreiks?

Weselsky ließ offen, ob es zu weiteren Streiks kommt. Das hänge auch davon ab, ob die Tarifverhandlungen mit der Bahn demnächst wieder aufgenommen werden. Er betonte, dass andere Eisenbahnunternehmen vom Streik nicht betroffen sind. Die GDL hatte zuletzt mit mehreren Gesellschaften Tarifverträge abgeschlossen, die sich am Tarif des Öffentlichen Dienstes orientieren.
Weselsky verlangte diese Konditionen auch von der Deutschen Bahn, außerdem einen Inflationsausgleich. Er forderte ferner, dass die Führungskräfte der DB auf Boni verzichten sollen, schließlich sei der Konzern hoch verschuldet.

DB kritisiert GDL-Streik scharf

Der angekündigte Streik bei der Deutschen Bahn ist aus Sicht des Unternehmens eine Eskalation zur Unzeit. „Gerade jetzt, wenn die Menschen wieder mehr reisen und die Bahn nutzen, macht die GDL-Spitze den Aufschwung zunichte, den wir in Anbetracht der massiven Corona-Schäden dringend brauchen“, teilte Personalchef Martin Seiler am Dienstag mit. Er kritisierte, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) habe sich nicht an ihre Ankündigung gehalten, den Kunden ausreichend Vorlauf zu lassen, bevor der Streik beginnt.
„Gerade in einem systemrelevanten Bereich wie der Mobilität gilt es jetzt, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und nicht unsere Kunden zu belasten“, mahnte Seiler. Eine Einigung in der Tarifrunde sei weiterhin möglich. Die GDL-Spitze müsse an den Verhandlungstisch zurückkehren.

GDL-Boss Claus Weselsky fordert Lohnerhöhung

Vor der Verkündung des Ergebnisses hat GDL-Chef Claus Weselsky die Forderungen der Lokführergewerkschaft bekräftigt. "Unsere Menschen haben durchgearbeitet, wie alle anderen", sagte er am Dienstag im Bayerischen Rundfunk. "Deshalb haben sie einen Anspruch auf eine adäquate Lohnerhöhung. Die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner unseres Landes haben die Nase gestrichen voll", sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft deutscher Lokführer (GDL) in der Sendung "Radiowelt am Morgen".

Wo gibt’s alle Infos zum Bahnstreik? Welche Züge fallen aus?

Die Deutsche Bahn arbeitet mehren Medienberichten zufolge schon an einem Notfahrplan. Nachdem die GDL den Bahn-Streik terminiert hat, werden Infos dazu unter bahn.de/aktuell veröffentlicht. Aktuell (09.08., 17:50 Uhr) stehen dort noch keine Infos.

Bahnstreik 2021: Fallen alle Züge aus?

Das wird ziemlich sicher nicht passieren. Es wird zu erheblichen Behinderungen kommen und viele Züge werden ausfallen, aber nicht alle Lokführer werden streiken. Einige von ihnen sind verbeamtet und dürfen deswegen nicht streiken, andere gehören keiner Gewerkschaft an.
Straßenverkehr in Richtung Görlitz Verkehrschaos in Rietschen ist abgewendet

Rietschen

Außerdem sind nicht manche Lokführer nicht in der GDL, sondern Mitglied der konkurrierenden Gewerkschaft EVG. Sie ist deutlich größer als die GDL, zu dieser gehören aber die meisten gewerkschaftlich organisierten Lokführer. In vielen anderen Betrieben der Deutschen Bahn, wie zum Beispiel Service Netze und Vertrieb, hat die EVG die Mehrheit. Die GDL berichtet aber, dass sie in letzter Zeit viele Mitglieder gewonnen habe. Ein Teil davon sei von der EVG abgeworben.

ICE, EC, IC, Flixtrain: Welche Fernzüge fahren?

Es ist davon auszugehen, dass auf allen Fernverkehrs-Linien der Deutschen Bahn Züge ausfallen werden. Wieviele nicht verkehren, ist noch unklar. Weil die GDL den Streik noch nicht ausgerufen hat, kann die Bahn noch keinen Notfahrplan veröffentlichen.
Einige ausländische Bahngesellschaften betreiben Züge, die aus den europäischen Nachbarländern nach Deutschland und umgekehrt fahren. Es gibt zum Beispiel Verbindungen von Warschau nach Berlin oder von Paris nach Frankfurt. Ob diese Züge bei einem Streik innerhalb Deutschlands verkehren würden, ist unklar.
Es gibt nur wenige private Fernzuganbieter in Deutschland. Das Unternehmen Flixmobility betreibt den Flixtrain auf drei Linien: Von Berlin über Frankfurt/Main nach Stuttgart, von Hamburg nach Köln und von Leipzig über Berlin, Hannover und Dortmund nach Aachen. Auf der Flixtrain-Website steht, dass das Unternehmen vom kommenden Streik nicht betroffen ist, die Züge fahren also regulär. Sie sind mit DB-Tickets allerdings nicht, man muss online separate Fahrkarten kaufen.
Ob der private Fernzug zwischen Berlin und Stockholm trotz des Streiks fahren wird, ist nicht bekannt.

RB, RE, S-Bahn – diese Verbindungen sind betroffen

Vermutlich fallen auf allen Nahverkehrs-Linien, die von der DB betrieben werden, Züge aus. Die Deutsche Bahn hat aber in den vergangenen Jahren immer mehr Strecken an private Wettbewerber verloren. In der Region Ulm betreibt beispielsweise Go-Ahead Regionalbahnen nach Stuttgart, Agilis nach Ingolstadt und Regensburg und die SWEG nach Aalen und Munderkingen.

Diese Züge könnten trotz des Streiks fahren

Die GDL befindet sich vor allem mit der Deutschen Bahn in einem Arbeitskampf. Daher kann es gut sein, dass die Züge der Privatbahnen normal verkehren. Auf den Websites der Unternehmen stehen aber keine Hinweise zum Streik.

Wie lange dauert der Bahn-Streik? Und wann startet er?

Weselsky ließ offen, ob am Dienstag Termine für Arbeitsniederlegungen genannt werden. Man werde den Passagieren ausreichend Vorlauf einräumen, damit diese sich vorbereiten könnten. Auch die Dauer von Streiks ließ der Gewerkschafter offen.

Lauchhammer

Streik bei der Bahn: Ticketpreise können erstattet werden

  • Im Fall eines Streiks können die Fahrgäste von geplanten Zugfahrten zurücktreten und sich den Fahrpreis erstatten lassen, wenn der Zug ausfällt oder mehr als eine Stunde Verspätung hat
  • Wer trotzdem in den Zug steigt, für den gelten die üblichen Entschädigungsregeln
  • bei 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises, ab 120 Minuten 50 Prozent

GDL-Streik: Tipps für Fahrgäste

Belege und Bescheinigungen sammeln:

Es lohnt sich, Belege zu sammeln, bevor man eine Reise abbricht oder sich nach Alternativen umsieht. Die Bahn empfiehlt, sich Verspätungen immer von Mitarbeitern am Bahnhof bestätigen zu lassen und hat entsprechende Verspätungsbescheinigungen vorbereitet.
Fotos von Anzeigetafeln oder Screenshots der DB-App oder von der Internetseite der Bahn gelten aber auch als Beleg für eine Verspätung oder einen Zugausfall. Mit diesen Belegen können Betroffene die Reise reklamieren.

Ein Taxi nehmen:

Vorsicht, die Deutsche Bahn muss bei einem Streik nicht alle Taxi-Rechnungen übernehmen. Nur den Fahrgästen, die nachts zwischen 0 und 5 Uhr mindestens eine Stunde später oder gar nicht ankommen, muss die Bahn maximal 80 Euro erstatten. Das gilt auch, wenn der letzte planmäßige Zug des Abends ausfällt und die Fahrgäste bis 24 Uhr nicht mehr per Bahn an ihr Ziel kommen.

Statt des Regionalzugs den ICE nehmen:

Hat der Nahverkehr mehr als 2o Minuten Verspätung, dürfen Reisende ohne Aufpreis mit einem Fernverkehrszug fahren. Sie müssen trotzdem zunächst ein reguläres Ticket lösen und können sich die Differenz zum Nahverkehrspreis später erstatten lassen. Diese Regelung gilt aber nur für Strecken, die kürzer als 50 Kilometer sind und der Zug weniger als eine Stunde unterwegs ist.

Auto oder Fernbus nutzen:

Wer statt der Bahn das Auto nutzt, bekommt keine Kosten erstattet. Gleiches gilt für die Fernbusse.

Entschädigung fordern:

Wer wegen eines Bahnstreiks nicht pünktlich ans Ziel kommt, kann je nach Verspätung einen Teil des Fahrpreises oder sogar den kompletten Fahrpreis zurückbekommen. Das regelt die entsprechende EU-Fahrgastverordnung. Wie hoch die Entschädigung ausfällt, hängt von der Länge der Verspätung ab. Kommen Fahrgäste mindestens 60 Minuten später als geplant an, haben sie Anspruch auf 25 Prozent Erstattung, bei mehr als 120 Minuten sind es 50 Prozent. Ab einer absehbaren Verspätung von über einer Stunde können Fahrgäste auch auf die Fahrt verzichten und den kompletten Ticketpreis zurückverlangen. Bei einer Verspätung von mehr als 60 Minuten muss die Bahngesellschaft außerdem kostenlos Erfrischungen und Mahlzeiten in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit anbieten. Gibt es von dem Unternehmen nichts, sollten Reisende auch hier die Rechnungen für ihre Verpflegung aufbewahren.

Streikt die GDL überall bei der Bahn?

Die Bahn wollte sich am Montag nicht zu ihren Streikvorbereitungen äußern, sondern Ankündigungen der GDL abwarten. Die Gewerkschaft hat sich bislang nicht in die Karten blicken lassen und auch offen gelassen, welche Bereiche sie bestreiken will. Am schlagkräftigsten ist sie bei den Lokführern.
Die Tarifrunde zwischen Bahn und GDL steckt fest. Weselsky schloss erneut aus, beim gegenwärtigen Stand weiter zu verhandeln. „Die Verhandlungen sind gescheitert, und die Uhr läuft ab. Jetzt ist Arbeitskampf angesagt, wenn der Bahn-Vorstand kein verbessertes Angebot vorlegt.“
Ungehört blieb ein Appell von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zur Mäßigung. Eine Bahnsprecherin forderte die GDL erneut auf, wieder zu verhandeln, weil für die Forderungen Lösungsvorschläge vorlägen. „Streiks in der jetzigen Zeit, in der wir alle mit viel Kraft daran arbeiten, die Folgen der Corona-Krise und der Flutkatastrophe zu bewältigen, würden unsere Kundinnen und Kunden und Zehntausende Beschäftigte wie ein Schlag ins Gesicht treffen.“

GDL fordert Lohnerhöhungen

Auf den ersten Blick scheinen Forderung und Angebot nicht so weit auseinander zu liegen:
  • Die GDL fordert unter anderem Lohnerhöhungen wie im öffentlichen Dienst von rund 3,2 Prozent sowie eine deutliche Corona-Prämie im laufenden Jahr mit einer Laufzeit von 28 Monaten.
  • Die Bahn will sich hingegen am „Notlagentarifvertrag“ der Flughäfen orientieren, der eine ähnliche Erhöhung um 3,2 Prozent auf einen längeren Zeitraum und spätere Stufenzeitpunkte verteilen würde, bei einer Vertragslaufzeit von 40 Monaten.
  • Hinzu kämen Leistungen zur Altersvorsorge und der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.

Drohender Streik bei der Bahn: GDL und DB liegen weit auseinander in den Verhandlungen

Weselsky hatte es zugleich erneut abgelehnt, ohne neues Angebot der Bahn an den Verhandlungstisch zurückzukehren, wie dies in den vergangenen Wochen mehrfach gefordert worden war. Die GDL will nach seinen Worten eine Nullrunde im laufenden Jahr nicht akzeptieren.
Die Bahn will angesichts von neuen Milliardenverlusten während der Corona-Pandemie und großen Flutschäden einen länger laufenden Tarifvertrag und spätere Erhöhungsstufen bei gleicher Prozentzahl. Ein Streik wäre eine „Attacke auf das ganze Land“, hatte Bahn-Personalchef Martin Seiler erklärt. Eine Bahn-Sprecherin sagte am Montag, dass Streiks Kunden und Beschäftigte wie ein „Schlag ins Gesicht“ treffen würden.
Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft wies darauf hin, dass ein Streik bei der Bahn auch „die unter den Folgen der Corona-Krise leidende Wirtschaft massiv schädigen“ würde. Die GDL handele verantwortungslos und gefährde die wirtschaftliche Erholung, sagte Verbandsgeschäftsführer Markus Jerger der Funke-Mediengruppe.

GDL kämpft um Einfluss

Neben dem Streit über Einkommenszuwächse tobt im Konzern ein Machtkampf zwischen der GDL und der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) um den jeweils besseren Tarifabschluss. Für die GDL ist das eine Frage des Überlebens und der künftigen Wachstumsmöglichkeiten. Denn die Bahn muss das Tarifeinheitsgesetz umsetzen.
In den rund 300 Betrieben des Unternehmens soll danach nur noch der Tarifvertrag der jeweils größeren Gewerkschaft zur Anwendung kommen. Meist ist das die EVG. Die GDL hat deshalb angekündigt, der Konkurrenz Mitglieder abjagen zu wollen.
Die Bahn hatte Mitte Juli als Kompromiss vorgeschlagen, dass künftig die Tarifverträge beider Gewerkschaften in einem Betrieb nebeneinander zur Anwendung kommen. Für ein GDL-Mitglied gälte dann das GDL-Tarifwerk, für ein EVG-Mitglied das EVG-Tarifwerk. Nichtorganisierte könnten zwischen einem der beiden Tarifwerke wählen. Dies lehnte die GDL Ende Juli ab. Die Bahn warf der Gewerkschaft zuletzt "egoistische Machtinteressen" vor.