Es gab Zeiten, da waren Landtagswahlen in Hessen ein echter Aufreger. Zum Beispiel, als der CDU-Mann Roland Koch im Wahlkampf mit einer Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft zu Felde zog. Oder die SPD-Frau Andrea Ypsilanti entgegen allen Beteuerungen doch eine Mehrheit unter Einschluss der Linkspartei schmieden wollte und dabei kläglich an ihren eigenen Parteifreunden scheiterte.

Am morgigen Sonntag sind die Hessen erneut aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Diesmal parallel zur Bundestagswahl. Schon deshalb wird sich die Aufmerksamkeit für die Ereignisse in Wiesbaden in Grenzen halten. Dabei geht es auch dort zumindest um ein paar bundespolitische Akzente. Seit 2009 wird Hessen von einer schwarz-gelben Koalition regiert. Noch vor ein paar Monaten schien es so, als wäre ein Machtwechsel hin zu Rot-Grün programmiert. Inzwischen liefern sich beide Lager wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Gelänge SPD und Grünen der Triumph, dann hätte Deutschland künftig nur noch eine einzige schwarz-gelbe Landesregierung aufzuweisen, nämlich die in Sachsen. Entsprechend trostlos aus schwarz-gelber Sicht sähe es dann auch im Bundesrat aus. Schon jetzt können sich SPD und Grüne in der Länderkammer auf eine Mehrheit von 36 der insgesamt 69 Stimmen stützen. Darin eingeschlossen ist allerdings auch das rot-rot regierte Brandenburg.

Mit einem Machtwechsel in Hessen hätten SPD und Grüne eine eigene Mehrheit und brauchten im Zweifel nicht mehr um die Gunst der Linkspartei zu werben. Für die Linke ist der Urnengang in Hessen ohnehin von strategischer Bedeutung. Gleich viermal in Folge war man zuletzt bei Landtagswahlen in den alten Bundesländern an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert: in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und kürzlich in Bayern.

Mit einem weiteren Desaster in Hessen - dort ist die Partei bislang im Landtag vertreten - müsste die Linke wohl alle Träume für eine Westausdehnung endgültig begraben. In den aktuellen Umfragen liegt sie zwischen drei und fünf Prozent. Auch die FDP muss um den Wiedereinzug bangen. Und genauso wie im Bund hat sie sich per Beschluss an die CDU gekettet und eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen ausgeschlossen.

Die Liberalen sind derzeit nur in neun der 16 Landesparlamente vertreten. Unklar ist auch das Abschneiden der Euro-kritischen Partei AfD, die zum ersten Mal überhaupt an einer Landtagswahl teilnimmt. Bei den Demoskopen kam sie zuletzt auf drei Prozent. Die mögliche Fortsetzung von Schwarz-Gelb wäre auch ein persönlicher Triumph von Ministerpräsident Volker Bouffier, dessen versöhnender und präsidialer Stil den Führungsgewohnheiten von Kanzlerin Angela Merkel ähnelt. Bei der SPD wiederum ruhen die Hoffnungen auf Torsten Schäfer-Gümbel, der sich von einem verspotteten Politiker ("Schäfer wer?") zum ernsthaften Herausforderer Bouffiers gemausert hat. Sein Erfolg würde auch den linken SPD-Flügel stärken.