Die spärlich bekleidete Blonde blinzelt keck in die Kamera. "Ich habe Harold auf einer Playboy-Party getroffen", haucht sie dem Fernsehzuschauer entgegen. "Harold, ruf mich an!" Gleich folgen handfeste amouröse Verwicklungen, denkt der unbedarfte Zuschauer. Ein Irrtum: Die Szene entstammt nicht einer Filmproduktion aus Hollywood, sondern einem politischen Werbespot.
Auf der nach unten offenen Schmuddel-Skala hat sich der Kongresswahlkampf in den USA weit unten eingependelt. Verunglimpfungen, Schmähungen, Schuldzuweisungen: Mit der Abstimmung geht heute ein außergewöhnlich bitterer und unappetitlicher Wahlkampf zu Ende. Mit der Wahrheit nahmen es die Parteien dabei nicht immer so genau.
Der umschmeichelte Harold aus dem Fernsehspot ist der Nachwuchs-Politiker Harold E. Ford Junior, der künftig für die oppositionellen Demokraten den Südstaat Tennessee im Senat vertreten will. Fords Pech: Er hatte sich einmal auf einer Endspiel-Party der amerikanischen Football-Liga sehen lassen, die vom Herrenmagazin "Playboy" gesponsort wurde. Der Werbespot der Republikaner verschwieg, dass noch 3000 weitere Gäste die Großveranstaltung besucht hatten - und dass die Blonde aus dem Spot den Politiker niemals getroffen hat. Die öffentliche Kritik war so groß, dass Fords Gegenkandidat, der Republikaner Bob Corker, den Spot absetzen ließ.
"Wenn die Wahlkampfstrategen irgendeine Schwäche beim Gegenkandidaten entdecken, dann schalten sie eine Serie von Werbespots, um aus einer Kerbe einen Krater zu machen", sagt der Politikprofessor Dan Shea vom Allegheny College in Pennsylvania. In den Tagen vor der Wahl haben die Kandidaten ihre letzten Reserven mobilisiert: Etwa 600 neue Spots wurden ausgestrahlt, die Kosten des Wahlkampfs kletterten auf mehr als zwei Milliarden Dollar. Die Parteiführung der Republikaner von US-Präsident Gorge W. Bush, die mit einer Niederlage rechnen muss, gibt nach Informationen der "Washington Post" 90 Prozent ihres Werbeetats für "negative Werbung" aus - für Spots also, die den jeweiligen Gegenkandidaten in schlechtem Licht erscheinen lassen.
Experten haben eine Erklärung dafür gefunden, warum die Parteien auf Schmuddelwerbung setzen: Sie wirkt. "Die Leute regen sich zwar über die Spots auf, aber sie behalten sie in Erinnerung", sagt der Politikprofessor Tom Baldino von der Wilkes University. "Wenn man es nicht übertreibt, kann negative Werbung den Gegner in die Offensive zwingen." In der Hoffnung, dass immer Schmutz am Gegner hängen bleibt, wenn man ihn nur heftig genug damit bewirft, teilten die Parteien kräftig aus.
Dem Demokraten Michael Arcuri wurde in einem Spot vorgeworfen, das Geld der Steuerzahler für Telefon- Sex auszugeben. In Wirklichkeit hatte ein Mitarbeiter Arcuris vom Büro aus mutmaßlich aus Versehen eine Sex-Hotline angerufen. Der Schaden für den Steuerzahler betrug 1,25 Dollar. Der republikanische Senator George Allan aus Virginia warf seinem demokratischen Herausforderer James Webb charakterliche Mängel vor. Der Grund: Webb schilderte in seinen Romanen über den Viet nam-Krieg freizügige Sex-Szenen. Es handelt sich allerdings um reine Literatur. Die Republikaner in Wisconsin warfen dem Demokraten Steve Kagen gar vor, Verbindungen zu einem Serienmörder zu haben. Dabei hatte er lediglich die Dienste eines Juristen in Anspruch genommen, der den Mörder verteidigte.
Auf kurze Sicht könnte solche Schmäh-Werbung dem Gegner schaden, auf lange Sicht wirft sie einen Schatten auf den gesamten Politikbetrieb. Der Politikverdruss in den USA ist groß. Nur noch ein Fünftel der Wähler ist mit der Arbeit des Kongresses zufrieden, und bei der Zwischenwahl vor vier Jahren lag die Wahlbeteiligung unter 40 Prozent.