Auf den einst so berühmten Märkten von Bagdad, die zum Großteil schon seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts existieren, bietet sich ein trauriges Bild. Wo die Menschen früher in entspannter Atmosphäre schlenderten, feilschten und plauderten, sieht inzwischen jeder zu, dass er seine notwendigen Besorgungen möglichst schnell erledigt. Während man zu Zeiten des Saddam-Regimes vor allem Angst haben musste, von einem Geheimdienstspitzel belauscht zu werden, wenn man im Gespräch einen kritischen Satz fallen ließ, so haben heute beim Einkaufen alle Angst vor der nächsten Bombe. Denn Terroranschläge wie an diesem Mittwoch auf dem Al-Schuridscha-Markt sind für die leidgeprüften Iraker inzwischen schon fast Alltag.
Manchmal trifft es einen Markt in einem Schiiten-Viertel oder in einem vorwiegend von Sunniten bewohnten Stadtteil, sodass man annehmen kann, dass die Täter Angehörige der jeweils anderen Religionsgruppe treffen wollen. Welches Ziel die Extremisten mit den Explosionen auf den Märkten in der Innenstadt verfolgen, die von den Angehörigen aller Bevölkerungsgruppen besucht werden, bleibt dagegen rätselhaft. Die Iraker sprechen resigniert von "normaler Gewalt".
"Die Märkte und Geschäftsviertel sind in einem so katastrophalen Zustand wie nie zuvor", klagt Wahab Abdel Kader (56), der in Al-Schuridscha ein großes Kosmetikgeschäft besitzt. "Früher wurde hier den ganzen Tag über gearbeitet und nachts kamen große Lastwagen mit Ware an, die von den Arbeitern bis zum Sonnenaufgang ausgeladen und sortiert wurde." Heute schließen fast alle größeren Geschäfte um 15 Uhr, Marktstände werden spätestens um 20 Uhr abgebaut.
Bekannte Geschäftsstraßen wie die Saadun-Straße oder die Al-Raschid-Straße, in denen sich vor der US-Invasion 2003 von früh bis spät die Käufer tummelten, sind jetzt schon am Nachmittag verwaist. Kaum ein Mensch wagt sich auf die Straße. Rund 30 Prozent der Geschäfte in Bagdad sind ohnehin geschlossen, weil ihre Besitzer den Bombenterror, die Entführungen und Plünderungen satt hatten und ausgewandert sind.
Wehmütig denkt Chalil Ibrahim (66), der an diesem blutigen Mittwoch im Al-Schuridscha-Markt unterwegs ist, an die Zeit zurück, als er ein junger Mann war. "Wir gingen auf den Märkten früher spazieren, nicht nur um einzukaufen, sondern auch um die schöne Atmosphäre zu genießen. Dutzende von Ausländern waren da unterwegs. Manche von ihnen ließen sich mit den Händlern fotografieren."
Von dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein durch die Amerikaner hatten zunächst einmal die irakischen Bücherliebhaber profitiert. Denn auf dem Büchermarkt in der Al-Mutanabi-Straße gab es plötzlich alle Bücher zu kaufen, die unter Saddam verboten waren. Vor allem freitags trafen sich nun die Intellektuellen, um auf dem Flohmarkt nach interessanten gebrauchten Büchern zu suchen oder auch nur, um mit Gleichgesinnten einen Schwatz zu halten. Doch auch diese Wochenendbeschäftigung wurde ihnen inzwischen wieder genommen. Denn freitags herrscht jetzt in Bagdad Ausgangssperre.