Der Zweite Weltkrieg dauert bis heute an - jedenfalls im Boden, tief unter dem Straßenpflaster von Oranienburg. Drei große Luftangriffe flogen alliierte Bomber 1944 und 1945 auf die Stadt im Norden von Berlin, wo sich mitten im Stadtzentrum mit den Auer-Werken ein großer Rüstungsbetrieb befand. Abgeworfen wurden Zehntausende Bomben - und mindestens 20 000 hatten einen Langzeitzünder. "Die Menschen sollten in stetiger Ungewissheit und Angst leben und nicht wissen, ob da noch Bomben sind, die vielleicht irgendwann explodieren", beschreibt die stellvertretende Bürgermeisterin Kerstin Kausche das perfide Konzept der Waffe. "Und in Oranienburg tun sie das bis heute."

Mindestens 300 Blindgänger liegen noch im Boden der Klein stadt, fünf sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs explodiert, einfach so und ohne Vorwarnung. "360 000 Hektar, also deutlich über zehn Prozent der Fläche des Landes Brandenburg, sind munitionsbelastet", sagte Innenminister Dietmar Woidke (SPD) am gestrigen Donnerstag bei einem "Mittagsgespräch" in der Brandenburger Landesvertretung in Berlin. Das sei eine Fläche von der eineinhalbfachen Größe des Saarlandes. Doch bislang ist die Beseitigung der Weltkriegsbomben eine Landesangelegenheit: Der Bund zahlt nur für die Beseitigung "ehemals reichseigener Munition". Brandenburg hat seit 1991 rund 318 Millionen Euro für die Kampfmittelbeseitigung ausgegeben, der Bund erstattete für deutsche Bomben und Granaten 108 Millionen. Rund 500 Tonnen Kampfmittel werden Jahr für Jahr in Brandenburg geborgen.

"Die andauernde Gefährdung durch alliierte Kampfmittel ist das Ergebnis eines Krieges, den Deutschland und nicht das Land Brandenburg geführt hat", interpretierte Woidke die jüngere deutsche Geschichte durchaus eigenwillig. "Der Bund entzieht sich seiner gesamtstaatlichen Verantwortung und lässt die Länder schlicht allein." Es leuchte niemandem ein, dass die Herkunft einer Kriegsbombe entscheidet, ob sich der Bund an deren Beseitigung finanziell beteilige.

Zum dritten Mal versucht das Land deswegen, über eine Bundesratsinitiative die Kosten für die Beseitigung alliierter Bomben an den Bund zu übertragen. 2004 war ein entsprechendes Vorhaben an der rot-grünen Bundestagsmehrheit gescheitert. "Ich habe damals in meiner eigenen Fraktion die Abstimmung verloren", erinnert sich die grüne Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm, die die neue Initiative unterstützt. Dieses Mal allerdings haben sich alle Länder im Bundesrat für das Brandenburger Vorhaben ausgesprochen. Und neben Behm kündigten auch die Bundestagsabgeordneten Angelika Krüger-Leißner, Waltraud Wolff (beide SPD) und Kirsten Tackmann (Linkspartei) an, die Initiative zu unterstützen. Denn bei der Munitionsbergung sind die Länder überfordert: "Allein in Berlin und Hamburg liegen noch 3000 Blindgänger im Boden", sagt der Altlasten-Experte und emeritierte Professor der BTU Cottbus, Wolfgang Spyra. Doch nur zwischen fünf und fünfzehn Bomben würden pro Jahr geborgen. Bei der Munitionsbergung könne man eigentlich nur in Generationen rechnen. Es sei denn, die Brandenburger Initiative entwickelt sich erfolgreich - und der Bund nimmt künftig mehr Geld für die Altlasten in die Hand.