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| 01:08 Uhr

Bomben auf Schwarzheide

1935 wurde mit dem Bau eines Chemiewerkes in Schwarzheide begonnen. Aus Kohle entstand dort Treibstoff. Ab 1944 mussten KZ-Häftlinge in Schwarzheide schuften. Im April 1945 wurden 600 von ihnen auf einen Todesmarsch geschickt. Schwarzheide war von den Deutschen weit gehend verlassen, als zwei Tage später die Rotarmisten einmarschierten. Die Besetzung des Ortes verlief nach Zeitzeugenberichten recht ruhig. Von Simone Wendler

17. März 1945. Die Bomber kamen zur Mittagszeit in vier Wellen. Ihr Ziel war das Chemiewerk in Schwarzheide. Zwei Tage vorher schon wurden Bomben über den Hydrieranlagen im Lausitzer Kohlerevier abgeworfen. Am 22. und 23. März folgten weitere Angriffe und zerstörten die Produktionsanlagen. Vier Wochen später ging auch in Schwarzheide der Krieg zu Ende.
Zehn Jahre vorher war auf Druck der NS-Führung die Braunkohle-Benzin Aktiengesellschaft (Brabag) gegründet und mit dem Werksbau in Schwarzheide begonnen worden. In den Anlagen entstand aus Braunkohle Treibstoff, eine wichtige Voraussetzung, um wenig später Krieg führen zu können.

"Schein-Brabag" wirkungslos
Am 28. Mai 1944, Pfingstsonntag, flog die US-Air-Force den ersten großen Bombenangriff auf die Schwarzheider Anlagen. Eine zur Tarnung in der Nähe in einem Wald angelegte hölzerne „Schein-Brabag“ blieb wirkungslos. Nach einem zweiten Angriff vier Wochen später war die Hälfte der Produktionskapazität zerstört. Am 1. Juli 1944 wurde in Baracken, die bis dahin als Unterkunft für „Fremdarbeiter“ dienten, ein Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet.
Hans Gärtner war einer von 1000 KZ-Häftlingen, die kurz darauf in Schwarzheide ankamen, überwiegend tschechische Juden. Geboren wurde der Sohn böhmischer Eltern in Hamburg, wo er aufwuchs. Ab 1938 lebte er bei Verwandten in Prag. Seine Mutter und ein jüngerer Bruder waren in der Schweiz, als die Deportationen begannen. Der Vater wurde aus Hamburg verschleppt und kehrte nicht zurück. Insgesamt wurden 26 Verwandte von Hans Gärtner durch die Nazis umgebracht.

Anfangs Freude und Hoffnung
Er selbst kam als 16-Jähriger in das Ghetto Theresienstadt, von dort nach Auschwitz, ein halbes Jahr später nach Schwarzheide. „Wir mussten die Trümmer nach den Bombenangriffen wegräumen, Blindgänger ausbuddeln und Bunker bauen“ , erinnert sich der heute 79-Jährige. Anfangs hätten sich die Häftlinge über die Bombenangriffe der Alliierten gefreut, weil damit die Hoffnung auf ein Ende des eigenen Leidens verbunden war. Doch bald gab es auch unter den KZ-Häftlingen Tote und Verletzte.
Im Frühjahr 1945 wurde in Schwarzheide noch eine Vergasungskammer errichtet, die jedoch nicht mehr zum Einsatz kam. Hans Gärtner musste mit ansehen, wie ein SS-Mann einen Kameraden erschoss, er erlebte aber auch stille Hilfe: „Bei einem Arbeitseinsatz in Senftenberg hat uns jemand Essen zugesteckt.“ Auch unter den Hilfsaufsehern, die sich aus Brabag-Mitarbeitern rekrutierten, hätten sich einige anständig verhalten.
Am 18. April 1945, die Rote Armee hatte zwei Tage vorher Oder und Neiße überschritten, wurde das KZ-Außenlager in großer Eile geräumt. Kranke, nicht gehfähige Gefangene wurden mit der Bahn ins KZ Sachsenhausen gebracht. Die anderen mussten einen Todesmarsch über Kamenz in Richtung Theresienstadt antreten. Von 600 Häftlingen überlebte nur jeder Zweite. 300 Gefangene wurden unterwegs von den Bewachern erschossen oder starben an Entkräftung. 100 bewaffnete SS-Leute trieben die Ausgezehrten voran.
Dieter Rostowski aus Kamenz hat sich mit der Geschichte verschiedener Todesmärsche zum Kriegsende in der Oberlausitz befasst und schon Anfang der 80er-Jahre Zeitzeugen befragt. Eine damals von ihm befragte 74-jährige Kamenzerin erinnerte sich daran, wie Häftlinge bei einer kurzen Rast vor Hunger Pflanzkartoffeln aus einem Feld gruben. „Als die SS das bemerkte, schoss sie in die Menge“ , berichtete sie. Als eine Flüchtlingsfrau den Gefangenen gekochte Kartoffeln zustecken wollte, drohten die SS-Männer, auch sie zu erschießen.
Andere Augenzeugen berichteten Rostowski vom Sterben auf dem Marsch: „Im Zug wurde ein Tafelwagen mitgeführt, auf dem Häftlinge kreuz und quer übereinander lagen. Teils waren sie bereits tot, teils gaben sie nur noch geringe Lebenszeichen von sich.“ Hans Gärtner erinnert sich daran, dass nach etwa einer Woche Fußmarsch die noch lebenden jüdischen Häftlinge in offene Waggons verfrachtet wurden, die bei strömendem Regen weiter in Richtung Theresienstadt fuhren.
Kurz vor dem Ghetto ließen die Wachmannschaften sie frei und setzten sich ab. Gärtner erreichte mit anderen Häftlingen zusammen in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai Theresienstadt, das damals seit wenigen Tagen in der Hand des Roten Kreuzes war. Einen Tag später zogen Einheiten der Roten Armee durch die Stadt.

Weiße Fahne auf dem Wasserturm
Während die KZ-Insassen in Schwarzheide ihren Todesmarsch antraten, packten viele Leute im Ort ihre Koffer. Ein von der Werksleitung der Brabag zusammengestellter Flüchtlingstreck verließ laut Werkschronik in der Nacht zum 20. April den Ort. Andere Einwohner flohen auf eigene Faust Richtung Westen. Am Abend des 21. April rückten Truppen der 1. Ukrainischen Front kampflos in das verlassene und weit gehend zerstörte Brabag-Werk ein. Am nächsten Tag besetzten sie auch den Ort. Auf dem Schwarzheider Wasserturm hatte jemand eine weiße Fahne gehisst.
Eva Socher war damals 18, genauso alt wie der KZ-Häftling Hans Gärtner. Zusammen mit ihren Eltern verließ sie kurz vor dem Einmarsch der Rotarmisten mit einem Pferdefuhrwerk den Ort. Sie kamen bis Hirschfeld bei Ortrand. „Durch die Propaganda war das ja damals für alle das denkbar Schlimmste, dass die Russen kommen“ , erinnert sich die Gastwirtstochter: „Aus heutiger Sicht war das aber Blödsinn.“ Die Familie kehrte schon einen Tag später zurück. In ihrem Haus in Schwarzheide richteten die Sowjettruppen gerade ihre erste Kommandantur ein.
Ein polnischer Kutscher und ein ukrainisches Mädchen, die während des Krieges bei den Gastwirtsleuten gearbeitet hatten, wurden von den Soldaten befragt. „Danach konnten wir in die Kutscherstube ziehen, uns ist nichts passiert“ , sagt Eva Socher. Ganz in der Nähe, so erfuhr sie später, hatten sich vor dem Einmarsch der Roten Armee elf Leute erhängt. „In dem Haus hing noch ein Hitlerbild mit Girlande an der Wand“ , gibt sie wieder, was damals in Schwarzheide erzählt wurde.

Funkstation im Wohnzimmer
Heinz Pietschmann erlebte das Kriegsende als 13-Jähriger in einem Pumpenschacht der Brikettfabrik „Victoria III“ . Sein Großvater arbeitete dort, der Vater war an der Front. „Es gab einen kurzen Raketenbeschuss, dann sind die Russen nach Schwarzheide gekommen“ , berichtet er. „Wir mussten raus aus dem Schacht und zurück in unsere Häuser.“ Im Wohnzimmer der Familie wurde eine russische Funkstation einquartiert. Auch Heinz Pietsch mann kann sich an Übergriffe und Gewalttaten der Soldaten nicht erinnern: „Die hatten Pferde mit, auf denen wir Jungen geritten sind.“
In den vorangegangenen Monaten hatte er bei den Bombenangriffen auf das Brabag-Werk wie viele andere Bewohner des Ortes Zuflucht in drei Stollen gefunden, die in eine Grubenkippe getrieben worden waren. „Das war richtig als Luftschutzbunker ausgebaut“ , erzählt der Schwarzheider.
An die KZ-Häftlinge kann sich Heinz Pietschmann erinnern, auch daran dass er einmal gesehen hat, dass einer der Gefangenen geschlagen wurde. „Als Kind hat man sich da wenig Gedanken gemacht, die Propaganda hat ja auch gewirkt“ , räumt er ein.
Hans Gärtner, der überlebende KZ-Häftling aus Schwarzheide, studierte nach dem Krieg. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings floh er 1968 nach Köln. Am 18. April 2005 wird er zusammen mit anderen Überlebenden des KZ-Außenlagers nach Schwarzheide zurückkehren. Am nächsten Tag werden sie in Kamenz erwartet. Die Männer wollen noch einmal den Weg zurücklegen, der sie vor 60 Jahren in die Freiheit führte. Etwa 60 von ihnen sind noch am Leben.

Hintergrund Von der Brabag zu BASF Schwarzheide
  1935 wird das Werk zur Herstellung von Treibstoff aus Braunkohle von der Braunkohle-Benzin Aktiengesellschaft (Brabag) errichtet. Weitere Werke entstehen in Böhlen, Magdeburg und Zeitz. Schwarzheide liefert 1943 rund 185 000 Tonnen Treibstoff.
Fliegerangriffe zerstören ab Frühsommer 1944 die Anlagen in Schwarzheide zu einem erheblichen Teil. 1944 können nur noch 110 000 Tonnen produziert werden. Im März 1945 kommt die Treibstoffherstellung völlig zum Erliegen.
Nach der Besetzung durch die Rote Armee am 21. April 1945 kommt das Werk unter Verwaltung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). Am 27. April beginnen wieder Arbeiten auf dem Werksgelände.
1954 wird das Synthesewerk Schwarzheide volkseigener Betrieb. In den 60er-Jahren wird die Kohleverarbeitung zu Benzin eingestellt. In den 70er-Jahren entstehen Anlagen zur Produktion von Polyurethanen. Im Oktober 1990 übernimmt die BASF den Betrieb und baut ihn zu einem modernen Chemiestandort um.
Im Mai 1965 wird nahe der Verwaltung eine erste Gedenktafel zur Erinnerung an das KZ-Außenlager enthüllt. Im Mai 1992 wird eine neu gestaltete Gedenkstätte eingeweiht. Seit 1995 werden jedes Jahr am 27. Ja nuar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, an der Gedenkstätte Kränze niedergelegt.