Jahrzehnte wohnte ein Potsdamer Hausbesitzer auf einer Fliegerbombe. Kampfmittelexperten brauchten eine Stunde, um den "Amerikaner" zu entschärfen. Kreidebleich nahm der Hausbesitzer anschließend den entschärften Blindgänger unter die Lupe.

"Oh, mein Gott", ruft Rainer Fanghänel am Freitagnachmittag, als er das Ungetüm aus seinem Garten unter die Lupe nahm. "Über diese Bombe bin ich seit 1969 täglich mehrmals rübergelaufen", setzt der 68-Jährige direkt nach der Entschärfung hinzu. Knapp eine Stunde hatte Sprengmeister Mike Schwitzke vom Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) zusammen mit seinem Assistenten gebraucht, um den Zünder mit einer Rohrzange von der 250-Kilo-Bombe abzudrehen. "Ganz einfach war das nicht, weil der Zünder einen Schlag abbekommen hat und das Gewinde nicht mehr leichtgängig war", erklärt Schwitzke.

Viel übrig war von der 250-Kilo-Bombe aber nicht mehr. Die Munition war nach dem Abwurf in den letzten Wirren des Zweiten Weltkriegs teilweise explodiert. Schwitzke: "Die restlichen 60 Kilo haben wir in 2,50 Meter Tiefe direkt neben dem Hauseingang gefunden."

Wirklich ahnungslos ist Hauseigentümer Fanghänel aber nie gewesen. "Dass da irgendetwas sein musste, wusste ich schon. Dass da aber so ein Riesending schlummert, ist mir neu." Nach den missglückten Entschärfungen der vergangenen Monate in München und Viersen am Niederrhein mit Millionenschäden habe ihn seine Schwägerin alarmiert, dass man wegen des Bombenverdachts etwas unternehmen müsse. Eine privat engagierte Firma bestätigte schnell den Verdacht. "Mir ist immer noch ganz flau", sagt der 68-Jährige.

Wegen der Entschärfung mussten mehr als 10 000 Menschen aus dem Potsdamer Stadtbezirk Am Stern evakuiert werden. Ab 7.30 Uhr ging in einem Radius von 600 Metern nichts mehr. In Scharen verließen die Einwohner per Auto, Straßenbahn, Bus oder Krankentransport das Wohngebiet. Allerdings waren nicht alle kooperativ. Mehr als 15 Bewohner mussten per Polizei aus ihren vier Wänden geholt werden.

Deutlich gemütlicher geht es in der von der Stadt zur Notunterkunft umfunktionierten Pierre-de-Coubertin-Oberschule zu. Dort waren rund 350 Menschen untergebracht, darunter rund 150 Gehbehinderte und Bettlägerige. Bis zum frühen Nachmittag müssen Menschen in der provisorischen "Bürger-Unterkunft" ausharren. Erst gegen 13.30 Uhr wird der Sperrkreis aufgehoben. Die nächste Bombenentschärfung lässt mit Sicherheit nicht lange auf sich warten. Seit der Wende wurden in Potsdam schon 130 Weltkriegsbomben gefunden und unschädlich gemacht.