Die Probleme beginnen schon bei den Personalien des Angeklagten. Laut Gerichtsakten ist Abu Al-Aalam A. 25 Jahre alt und im Tschad geboren, einem afrikanischen Land zwischen Libyen und dem Sudan. Er sei erst 20, lässt der dunkelhäutige Mann mit kurzen Rastalocken übersetzen. Und wo er geboren sei, das habe er vergessen. Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Frank Schollbach, verlässt sich auf das Altersgutachten, das über den Afrikaner in den Akten liegt.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr befand A. sich in der Justizvollzugsanstalt Cottbus-Dissenchen mit vier anderen Insassen in einem Sportraum. Mit einer einen halben Meter langen Hantelstange soll er dort plötzlich einem anderen Gefangenen erst von hinten, dann von vorn mehrere "mit aller Kraft ausgeführte Schläge" auf den Kopf versetzt haben.

Tötungsabsicht bestritten

So steht es in der Anklage wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes. Denn die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Abu Al-Aalam A. sein Opfer töten wollte. Rechtsanwalt Klaus Kleemann, der als Pflichtverteidiger den Mann aus dem Tschad vertritt, weist das in einer für seinen Mandanten verlesenen Erklärung zurück.

Die Schläge gebe A. zu, trägt Kleemann vor. Doch es sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, weil der Angegriffene ihn vorher wochenlang immer wieder rassistisch beleidigt und drangsaliert habe. "Das hat ihn psychisch belastet, er hat ständig mit einem körperlichen Angriff gerechnet", so der Verteidiger. Der Niedergeschlagene habe versucht, seinem Mandanten die Hantelstange wegzunehmen, da habe er zugeschlagen. Über die Folgen habe er sich in diesem Augenblick keine Gedanken gemacht.

Vorwurf: Rassismus

Abu Al-Aalam A., der arabisch spricht, bezeichnet sein Opfer als "Nazi und Verbrecher", schildert selbstbewusst und zum Teil ausschweifend, wie er immer wieder Ziel rassistischer Anfeindungen geworden sei. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters nach einem Mitgefangenen, mit dem er befreundet gewesen sein soll, antwortet er: "Den kenne ich nicht."

Als dieser Gefängnisinsasse später nach seiner Zeugenaussage den Saal verlassen hat, gibt der Angeklagte auf Nachfrage plötzlich eine ganz andere Auskunft. "Der hat mir viel geholfen", versichert er. Zwei Stunden vorher hatte er auch ihn rassistischer Pöbeleien bezichtigt.

Marcel K. (Name geändert), den die Hantelstange auf den Kopf traf, kann sich an die Situation im Sportraum gar nicht mehr erinnern. Noch heute leidet er unter den Folgen der Schläge: "Ich habe ständig Kopfschmerzen, Sehprobleme, kann mir nichts merken." Regelmäßig sei er beim Arzt und Psychologen.

Der 24-Jährige ist fast zwei Meter groß, lockige Haare, Vollbart, Piercing, keine unter dem kurzärmligen Hemd sichtbaren Tattoos. Nichts, was auf einen Rechtsradikalen hinwiese. Ohne Umschweife nennt er den Grund seiner Haft: Beschaffungskriminalität. Als der Kammervorsitzende ihm vorhält, dass er Abu Al-Aalam A. rassistisch beleidigt haben soll, lacht er nur: "Warum hätte ich das tun sollen?"

Bis zu der Attacke habe er gedacht, sie hätten ein gutes Verhältnis zueinander, auch wenn die Verständigung meist nur mit Gesten funktionierte. "Wir waren ja lange genug zusammen auf der Piste", sagt er. A. habe ihm leidgetan, weil er niemanden zum Reden hatte. Streitereien habe es auch zwischen A. und ihm oder anderen Häftlingen mal gegeben, aber nichts Besonderes.

Ein anderer Gefangener, der A. nach der Tat im Sportraum festhielt, hat auch keine Erklärung für den Angriff. Die Gruppe habe vorher schon oft zusammen im Sportraum an den Geräten trainiert: "Da war nie etwas." Der Zeuge, der dem Angeklagten oft half, Anträge zu stellen, bestreitet ebenfalls, dass es rassistische Ausfälle gegen den Afrikaner gab: "Ich habe keine Vorstellung, warum er das gemacht hat."

Angriff von hinten

Der Häftling schildert, dass der Schwerverletzte mit dem Gesicht zur Wand auf einem Trainingsgerät saß, als ihn die Schläge trafen. Dass Angreifer und Opfer standen und es unmittelbar vor den Schlägen eine Auseinandersetzung gab, wie vom Angeklagten behauptet, schloss er aus.

Gegen die Darstellung von Abu Al-Aalam A. sprechen auch massive Blutspuren auf dem Trainingsgerät, auf dem das Opfer zusammensackte. Sie sind deutlich zu sehen, als Tatortfotos im Gerichtssaal gezeigt werden.

Dass die Männer beim Training im Keller des Hafthauses eingeschlossen, aber unbeaufsichtigt waren, war offenbar gängige Praxis. Nach dem Zwischenfall, so ein Häftling im Zeugenstand, seien die Bediensteten aber sofort da gewesen: "Die haben es offenbar poltern hören."

Besonders gefährlich

Dass Abu Al-Aalam A. in Sachen Gewalt kein unbeschriebenes Blatt ist, wird schon am ersten Prozesstag deutlich. Er hatte sich beklagt, dass er in der Haftanstalt nicht an einem Deutschkurs teilnehmen durfte. Warum, wisse er nicht. Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer gibt später die Antwort aus der Gefangenenakte der JVA. Danach galt Abu Al-Aalam A. als besonders gefährlich.

Eine schwere Gewalttat soll ihn auch hinter Gitter gebracht haben. Der Mann aus dem Tschad gehörte vor zwei Jahren zu den Flüchtlingen, die in Berlin-Kreuzberg die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzten. Dort soll er auf Mitbewohner losgegangen sein. Diese vorangegangene Verurteilung wird im derzeitigen Prozess vermutlich noch eine Rolle spielen.

Geklärt werden muss auch, ob Abu Al-Aalam A. psychisch krank ist und vielleicht im Zustand verminderter Schuldfähigkeit handelte. Ein Gutachter hat ihn dazu untersucht. Bevor der sein Ergebnis dem Gericht vorträgt, werden jedoch noch andere Zeugen gehört, darunter Bedienstete der Cottbuser JVA. Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt.