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| 01:39 Uhr

Blutigster Anschlag in Kabul seit 2001

Vor der indischen Botschaft in Kabul sprengte sich ein Selbstmordattentäter gestern in einem Auto in die Luft.
Vor der indischen Botschaft in Kabul sprengte sich ein Selbstmordattentäter gestern in einem Auto in die Luft. FOTO: AFP
Gegen 8.30 Uhr beginnen die indischen Diplomaten in Kabul gewöhnlich ihren Dienst. Just zu dieser Zeit sprengte sich gestern ein Selbstmordattentäter in einem Auto vor der Botschaft in die Luft. Von Can Merey

Die diplomatische Vertretung in der afghanischen Hauptstadt liegt an einer belebten Straße gegenüber dem Innenministerium und mehreren Geschäften. Den Drahtziehern muss klar gewesen sein, dass die Explosion etliche einheimische Zivilisten töten oder verstümmeln würde. Skrupel bereitete ihnen das nicht. Mehr als 40 Tote und über 140 Verletzte - das ist die grausame Bilanz des schwersten Anschlags in Kabul seit dem Sturz der Taliban En de 2001. Aus dem afghanischen Innenministerium hieß es, mindestens 44 Menschen seien getötet und 147 weitere verletzt worden.

Radikalislamische Handschrift
Der Militärattaché und der politische Berater an der Botschaft - sie waren auf dem Weg zur Arbeit - sind unter den vier indischen Opfern. Zwar haben sich die Taliban nicht zu der Tat bekannt. Doch das Blutbad trägt die Handschrift radikalislamischer Aufständischer.
Dass Diplomaten und andere ausländische Botschaftsmitarbeiter in Kabul gefährdet sind, ist nicht neu. Im August vergangenen Jahres wurden drei deutsche Personenschützer des Botschafters Hans-Ulrich Seidt bei einem Anschlag getötet. Wegen der immer schlechteren Sicherheitslage müssen demnächst alle deutschen Diplomaten auf das Botschaftsgelände in Kabul ziehen - wie in Bagdad. Dass Afghanistan nicht mehr unbedingt sicherer als der Irak ist, darauf deuten die gefallenen ausländischen Soldaten hin. Im Mai starben erstmals mehr von ihnen am Hindukusch als im Zweistromland. Im Juni kamen so viele ausländische Soldaten in Afghanistan ums Leben wie in keinem anderen Monat seit dem Sturz der Taliban.
In der neuen US-Botschaft in Kabul leben bereits alle Diplomaten auf dem schwer gesicherten Gelände. Ihre kleinen Wohnungen haben keinen Ausblick: Anstelle eines Geländers schließt eine über zwei Meter hohe Betonwand den Balkon ab, sie soll vor Beschuss schützen. Dass es nun die indische Botschaft getroffen hat, erscheint auf den ersten Blick verwunderlich. Indien hilft beim Wiederaufbau, stellt aber keine Truppen. Doch Indien und die Taliban verbindet eine tiefe Abneigung. Neu Delhi unterstützte einst die Nordallianz, die gegen das vom indischen Erzfeind Pakistan geförderte Taliban-Regime kämpfte. Präsident Karsai wird von Indien unterstützt.

„Spiel der Schuldzuweisungen“
Wenige Stunden nach dem Anschlag begann das, was Pakistan das afghanische "Blame Game" nennt, das "Spiel der Schuldzuweisungen". Das Innenministerium in Kabul machte Terroristen und einen "Geheimdienst in der Region" für die Tat verantwortlich. Gemeint ist der pakistanische ISI.
Pakistan weist die Anschuldigungen - ebenso wie Karsais jüngste Drohung eines militärischen Angriffs auf die benachbarte Atommacht - stets empört zurück. Wie glaubhaft die Dementis sind, ist umstritten. Karsai betonte gestern, der Anschlag auf die Botschaft werde die Beziehungen zwischen seinem Land und Indien nicht beschädigen. Die zwischen Afghanistan und Pakistan haben dagegen einen neuen Tiefpunkt erreicht. Profitieren dürften von dem eskalierenden Streit zwischen den Nachbarn, die offiziell Partner im Kampf gegen den Terrorismus sind, vor allem die Taliban.