Die Lage ist brenzlig in Tunesien im Jahr 2013. Unruhen und Mordanschläge erschüttern das Land. Die Errungenschaften des Arabischen Frühlings sind in Gefahr. Tunesien steht am Rande eines Bürgerkriegs. Ein Quartett von Vermittlern schafft es, die Situation zu entschärfen - und trägt dazu bei, dass in dem Land, in dem die Umbrüche in Nordafrika begannen, ein friedlicher politischer Prozess in Gang kommt. Dafür bekommen die vier Organisationen aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft - Gewerkschaft, Arbeitgeber, Menschenrechtler und Anwälte - den Friedensnobelpreis.

Überraschend - und wohl bewusst - ehrt die Jury im zutiefst sozialdemokratischen Norwegen damit keine westlichen Krisen-Manager, die von außen auf ein Land blicken. Sondern lokale Kräfte in der Zivilgesellschaft, die selbst Verantwortung übernehmen, um Frieden in ihrem Land zu erreichen: den tunesischen Gewerkschaftsverband, den Arbeitgeberverband, die Menschenrechtsliga und die Anwaltskammer. Sie werden nicht einzeln geehrt, sondern ausdrücklich für ihre Zusammenarbeit. Ihre Funktion sei "vergleichbar mit der der Friedenskongresse, auf die sich Alfred Nobel in seinem Testament bezieht", schreibt die Jury in der Preisbegründung.

2013 taten sich die mächtigen Organisationen zusammen, als die Ermordung der Oppositionspolitiker Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi mutmaßlich durch Salafisten das nordafrikanische Land in eine schwere politische Krise stürzte. Viele Tunesier lasteten der damals neuen islamistischen Regierung unter Führung der Partei Ennahda die Taten an und gingen zu Zehntausenden auf die Straße. Zwei Jahre nach der Jasminrevolution, bei der der langjährige Diktator Zine el Abidine Ben Ali gestürzt worden war, drohte die Spaltung der Gesellschaft und neue Gewalt. Unter Vermittlung des Quartetts kamen die politischen Gegner an den Verhandlungstisch. Die Ennahda erklärte sich zum Rückzug aus der Regierung bereit, die daraufhin von einem Technokraten-Kabinett unter der Führung von Mehdi Jomaâ abgelöst wurde.

Die Auszeichnung kommt in einer Zeit, in der die Entwicklung in den zerrissenen und von der Terrormiliz IS bedrohten Nachbarländern Tunesiens in eine andere Richtung geht. "Tunesien ist die einzige überlebende Blüte des Arabischen Frühlings", sagt der Direktor des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri, Dan Smith. Die Jury sieht den Preis als Ansporn für andere Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika, ihre Zivilgesellschaften zu stärken: "Das Komitee hofft, dass dies ein Beispiel ist, dem auch andere Länder folgen werden."

Absage an den Westen

Der Preis, der sich allen Spekulationen zum Trotz nicht um eine der großen Krisen in Europa dreht - und nicht wie von vielen erwartet an Kanzlerin Angela Merkel als Krisen-Managerin geht -, dürfte auch als Signal an die westliche Welt zu verstehen sein. Die Auszeichnung feiere oft "den Wunder vollbringenden Dritten, der von außen kommt und den Menschen hilft zu verstehen, was in ihrem besten Interesse ist", sagt der Osloer Friedensforscher Kristian Berg Harpviken. "Dieser Preis kann uns helfen, sensibler für die Rolle von lokalen Organisationen und Individuen beim Managen von Konflikten zu werden."

Dass auch der Dialog mit Islamisten in friedensstiftenden Prozessen notwendig sein kann, unterstreicht die Jury explizit. Und mahnt: Das tunesische Volk dürfe sich trotz großer Herausforderungen - Terrorbedrohung, hoher Arbeitslosigkeit, kriselnder Wirtschaft - nicht entmutigen lassen, weiter für Frieden zu kämpfen.