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| 01:05 Uhr

Blair lächelt wieder

Die britische Regierung hat gestern Stellungnahmen im Zusammenhang mit dem Tod des Waffenexperten David Kelly abgelehnt. Premierminister Tony Blair wich bei seinem Besuch in China entsprechenden Fragen aus. Auf die Frage eines Reporters, ob die Affäre um aufgebauschtes Geheimdienstmaterial zur Rechtfertigung des Irak-Krieges bei seinem Gespräch mit dem chinesischen Regierungschef Wen Jiabao eine Rolle gespielt habe, ging Blair nicht ein. Von Christoph Driessen

Es war, als bräche der Zorn der Götter über Tony Blair herein. Seine Boeing 777 wurde vom Sturm geschüttelt, wie ihn selbst erfahrene Stewardessen noch nicht erlebt hatten. Und dann traf ihn wie ein Blitz die Nachricht vom Tod des Regierungsberaters David Kelly. Was folgte, war ein Wochenende, an dem ein baldiger Rücktritt des Premierministers nicht mehr ausgeschlossen wurde. Doch gestern sah alles schon wieder ganz anders aus. Der Himmel hatte sich aufgeheitert.
In China, der dritten Station seiner Asienreise, war das oft karikierte Blair-Lächeln zurückgekehrt. Grüner Tee und eine Nachtruhe auf einem Futon mit Strohmatte hätten da wohl gewirkt, vermutete der "Guardian". Doch es waren wohl eher die Nachrichten aus London: Dort geriet statt Blair zunehmend die BBC ins Visier.

Vorwürfe gegen Blair-Berater
Der Sender hatte zuvor bestätigt, dass Kelly die Hauptquelle für den umstrittenen Bericht seines Reporters Andrew Gilligan gewesen war. Gilligan hatte unter Berufung auf den namentlich nicht genannten Kelly gemeldet, die Regierung Blair habe das Beweismaterial gegen Saddam Hussein aufgebauscht. In einem - angeblich gut bezahlten - Artikel für die Blair-feindliche "Mail on Sunday" spitzte Gilligan diesen Vorwurf auf Blairs engsten Berater Alastair Campbell zu.
Kelly hatte in der vergangenen Woche gesagt, Gilligans Vorwürfe seien durch die Informationen, die er ihm gegeben habe, nicht gedeckt. Waren also nicht die Irak-Dossiers der Regierung, sondern die Berichte der BBC aufgebauscht„ Oder stand Kelly, "der Mann, der zu viel wusste" (Independent on Sunday), unter solchem Druck seines Arbeitgebers, des Verteidigungsministeriums, dass er einen Rückzieher machte“

Harter innenpolitischer Kampf
Noch immer können Verwandte und Freunde es nicht fassen, dass sich dieser "harte Mann" die Pulsadern aufschnitt. Der ehemalige UN-Waffeninspekteur hatte doch ganz andere Sachen durchgestanden! Er war dem früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein ein solcher Dorn im Auge gewesen, dass sich dieser ausdrücklich gegen Kellys Rückkehr als Inspekteur gewandt hatte. "Das alles hat er überlebt", resümierte sein Freund Tom Mangold. Doch in die Mühlen der britischen Politik geraten, hatte er so wenig Chancen "wie die polnische Kavallerie gegen Hitlers Panzer" (Sunday Telegraph).
Muss Blair zurücktreten? Vorläufig nicht. Doch wenn er einmal geht - so die Einschätzung vieler britischer Kommentatoren - dann könnte die Affäre Kelly als Anfang vom Ende gelten. Blair kommt zu Gute, dass er gemessen an Wahlsiegen der erfolgreichste Labour-Premier der Geschichte ist. So jemanden stürzt man nicht leichtfertig. Die Schwierigkeiten seiner zweiten Amtszeit sind insofern ein Luxusproblem, als Labour noch nie das Privileg einer vollen zweiten Amtszeit genossen hat.
Blairs Forderung nach einer "Zeit der Besinnung" ist unterdessen wirkungslos verhallt. Es geht härter zur Sache denn je. Der Karikaturist des "Independent" zeigte Blair und Campbell gestern mit Blut an den Händen; Rupert Murdochs "Sun" dagegen titelte über einem Bild des BBC-Reporters Gilligan: "Du Ratte". Ein "makabrer Tanz", urteilt der "Daily Telegraph". "Wie furchtbar für unsere Nation."