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BKA-Studie ergibt: Jeder 20. Schüler gewalttätig

Wiesbaden. Etwa fünf Prozent aller deutschen Schüler werden regelmäßig gewalttätig gegen andere. Dies ergab eine gestern im Bundeskriminalamt (BKA) vorgestellte Studie. Am selben Tag hat ein Realschüler in einer Schule im fränkischen Coburg eine Lehrerin angeschossen und sich selbst getötet.


Während des Unterrichts hat ein 16-jähriger Schüler in Coburg gestern auf seine Klassenlehrerin geschossen und anschließend eine Schulpsychologin verletzt. Danach tötete sich der Jugendliche nach Angaben der Polizei selbst. Die 41 Jahre alte Lehrerin blieb unverletzt, die Psychologin wurde am Oberschenkel getroffen. Die Tat rief sofort Erinnerungen an das Schulmassaker vor einem Jahr in Erfurt wach. Hintergrund und Motiv des 16-Jährigen waren gestern noch unklar. Der Junge, der zwei Waffen seines Vaters bei sich hatte, war zuvor in der Schule nicht besonders aufgefallen.
Nach Augenzeugenberichten hatte der 16-Jährige gegen 9 Uhr - laut Polizei - eine Pistole vom Kaliber 7,65 unvermittelt aus seiner Hosentasche gezogen und zwei Schüsse auf die Klassenleiterin abgefeuert. Sie habe zu diesem Zeitpunkt mit dem Rücken zur Klasse gestanden, sodass sie die Attacke erst nach dem lauten Pistolenknall bemerkte. Die anderen Schüler seien daraufhin geflohen, ein Junge sprang aus dem Fenster, sagte Kripo-Chef Reinhard Müller. Einen 15-jährigen Klassenkameraden nahm der Täter vorübergehend als Geisel.

Geisel blieb unverletzt
Die Schulpsychologin hörte die Schüsse und sei sofort aus einem Nachbarzimmer in den Klassenraum geeilt. Als sie eintrat, schoss ihr der Achtklässler in den Oberschenkel. Danach sei er zu seinem Rucksack gegangen, holte eine großkalibrige Pistole hervor, verriegelte die Tür des Klassenzimmers und schoss sich vor den Augen seiner Geisel in den Mund, berichtet Müller. Seine Klassenkameraden fanden den Achtklässler Blut überströmt auf dem Boden, berichtete die Polizei. Für ihn sei jede Hilfe zu spät gekommen.
Das Opfer galt nach Angaben der Schulleitung als ruhiger und unauffälliger Schüler. Seine Versetzung in die nächste Jahrgangsstufe sei nicht gefährdet gewesen, sagte Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) bei einer Pressekonferenz in Coburg. Die Tat von Coburg unterscheide sich ganz wesentlich von Taten anderer Schüler, unterstrich die Ministerin. "Offensichtlich hatte der Schüler Hemmungen, gezielt auf seine Mitschüler zu schießen", sagte Hohlmeier.
Die beiden Waffen hatte sich der 16-Jährige aus dem verschlossenen Waffenschrank seines Vaters besorgt, ebenso den Schlüssel für den Waffenschrank. Der 16-Jährige stamme aus einer traditionsreichen Schützenfamilie, sagte Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD). Für alle Waffen gebe es ordnungsgemäße Waffenbesitzkarten. Der Großvater sei als öffentlicher Sachverständiger für Schießanlagen bestellt. Kastner zeigte sich schockiert über den Vorfall. "Wir dachten alle, Amerika und Erfurt wären weit weg", sagte er.
Als Konsequenz aus dem Schulmassaker von Erfurt im April 2002 hatte die Polizei in Stuttgart den Dreh eines Films zur Verhinderung von Gewalt an deutschen Schulen geplant. Diese Ankündigung des Filmprojektes erhielt gestern traurige Aktualität durch die Ereignisse im fränkischen Coburg.
Der Streifen soll fünf typische Situationen im Schulalltag zeigen, die zu Konflikten führen, teilte die federführende Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes gestern in Stuttgart mit. Dazu gehörten beispielsweise Beleidigungen und Erpressungen unter Jugendlichen.
Die Dreharbeiten sollen am kommenden Dienstag in Stuttgart beginnen. Die Schauspieler seien selbst Schüler. Die zehntägigen Dreharbeiten sollen 200 000 Euro kosten.
Die Produktion richtet sich zunächst vor allem an Schüler der 3. und 4. Klasse. "Wir wollen die Kinder möglichst frühzeitig in der Verhinderung von Gewalt trainieren", begründete der Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalintervention, Reinhold Hepp, die Wahl der Zielgruppe.
Am selben Tag legte das Bundeskriminalamt eine Studie zu Aggressionen Jugendlicher vor. Auch wenn die Gewaltdelikte Jugendlicher seit 1998 rückläufig sind, bleiben die Zahlen alarmierend: Fast zwei Drittel der Jungen hat in den vergangenen sechs Monaten einen Mitschüler geschlagen oder getreten. Das ergab eine gestern vorgestellte Studie der Universität Erlangen-Nürnberg im Auftrag des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden.
Etwa fünf Prozent der Schüler bedrohen oder beschimpfen andere regelmäßig. Gewalt an der Schule reicht vom Mobbing der Mitschüler über Beschimpfungen, Ausgrenzen, Erpressen, das Klauen von teuren Klamotten bis hin zum Schlagen und Treten.
Die Öffentlichkeit erfährt meist nur von spektakulären Gewaltausbrüchen wie dem Amoklauf in Erfurt vor einem Jahr oder der Schießerei gestern in Coburg.

Ältere Schüler agressiver
Wie die Studie ergab, sind ältere Schüler aggressiver als jüngere, Hauptschüler etwas mehr als Gymnasiasten, Jungen eher als Mädchen. Zwischen Deutschen und Ausländern bestünden nur geringe Unterschiede. Auch die Klassengröße spiele keine große Rolle. Gewalttätige Schüler seien oft impulsiv und hätten Probleme, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Obwohl die Täter kaum weniger intelligent als andere Jugendliche seien, hätten sie durchweg schlechtere Noten, müssten öfter eine Klasse wiederholen und schwänzten mehr, fanden die Forscher heraus. Die Untersuchung habe jedoch gezeigt, dass Gewalt an Schulen kein isoliertes Problem sei: Vielmehr neigten aggressive Schüler beeinflusst von Familie, Erziehung und brutalen Filmen auch außerhalb der Schule zu Gewalt. Rund fünf Prozent der mehr als 1100 befragten Siebt- und Achtkl ässler seien häufig Opfer von Aggressionen ihrer Mitschüler, wie die Studie ergab. Sie zeigten Konzentrationsprobleme, geringes Selbstbewusstsein, waren unbeliebter und neigten zu Angst, Depression und psychisch bedingten körperlichen Beschwerden. Wie die Täter seien auch die Opfer keine besonders guten Schüler oder "Streber", ergaben die Forschungen.
(dpa/AFP/hoe)