Es geht nicht um Mord und Totschlag, sondern lediglich um ein Stück Stoff in einem Zimmerfenster – und einen vermeintlichen Schaden in Höhe von 700 Euro. Dennoch dürfte das Medienaufgebot am Freitag riesig sein am Landgericht Chemnitz. Für 12 Uhr hat Richter Andreas Frei in den Sitzungssaal 127 geladen. Er muss über die abschreckende Wirkung einer Piratenflagge befinden. Die Flagge hing als Fenstervorhang vier Jahre lang in einem Kinderzimmer direkt über der Eingangstür eines Mehrfamilienhauses in der Chemnitzer Hübschmannstraße.

Die Tochter der Mieterin hatte sie bei einer privaten Party zum Piratenfilm „Fluch der Karibik“ 2006 geschenkt bekommen. Der weiße Totenkopf auf schwarzem Untergrund soll zwei potenzielle Mieter abgeschreckt haben.

Weil eine Wohnung deshalb längere Zeit leer stand, macht der Hauseigentümer den Verlust von zwei Monatsmieten geltend – eben jene 700 Euro. Der Aufforderung, die Flagge abzunehmen, war die Mieterin nicht nachgekommen.

Deshalb landete der Fall im vergangenen Jahr vor dem Amtsgericht Chemnitz. Das sah in der Fahne eine „ästhetische Beeinträchtigung“ und gab dem Vermieter recht. Seitdem darf der Totenkopf nicht mehr hängen.

Die Mieterin ging dagegen in Berufung. Der 45-Jährigen geht es ums Prinzip – und auch ums Geld. Sie wolle sich keine Blümchengardine vorschreiben lassen, sagte sie beim Ortstermin mit Richter Frei in der Hübschmannstraße am 15. September. Zugleich erklärte sich die Frau zu einer gütlichen Einigung bereit: Sie würde künftig auf die Fahne verzichten – aber nur dann, wenn sie keine Gerichtskosten tragen müsse.

Die will aber auch der Vermieter nicht übernehmen, weshalb ein Vergleich nicht zustande kam. Und deshalb kommt es auf Richter Frei an. Beim Termin am „Tatort“ ließ er sich noch nicht in die Karten schauen – und damit beide Streitparteien hoffen.

Neben der dominanten Wirkung der Flagge auf ihn, die den Vermieter freuen dürfte, hatte Frei nämlich auch betont, dass es sich offenkundig um ein Kindermotiv handelt. Und das spricht für die Mieterin, die zuvor stets den doch recht freundlichen Gesichtsausdruck auf der Flagge hervorgehoben hatte, während der Vermieter-Anwalt ein Symbol für „Tod, Zerstörung und Gewalt“ sah.

Eine besondere Note erhält der Fall auch noch durch den Hauseigentümer. Dabei handelt es sich um die Kester-Haeusler-Stiftung aus dem bayerischen Fürstenfeldbruck. Deren Vorstandschef ist der Anwalt Volker Thieler, Autor des 2009 erschienenen Ratgebers „Die Rechtsirrtümer im Mietrecht“.