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"Bismarcks Zeit ist ferne Welt mit wenig Parallelen zu heute"

Die Särge mit den sterblichen Überresten von Otto von Bismarck (1815 bis 1898) und seiner Frau Johanna (1824 bis 1894) im Mausoleum beim Bismarck-Museum in Friedrichsruh (Schleswig-Holstein).
Die Särge mit den sterblichen Überresten von Otto von Bismarck (1815 bis 1898) und seiner Frau Johanna (1824 bis 1894) im Mausoleum beim Bismarck-Museum in Friedrichsruh (Schleswig-Holstein). FOTO: dpa
Für den Historiker Heinrich August Winkler hat Bismarck ein "widersprüchliches Erbe" hinterlassen. Im Interview äußert sich Winkler, der lange an der Berliner Humboldt-Universität lehrte, auch zu möglichen Parallelen zu heute, Folgen der Politik Bismarcks und zum deutsch-russischen Verhältnis.

Herr Winkler, wie bewerten Sie das Wirken Bismarcks?
Bismarck hat ein widersprüchliches Erbe hinterlassen. Hätte es die Reichseinigung von 1871, die kleindeutsche Lösung der deutschen Frage, nicht gegeben, würden wir heute nicht in einem wiedervereinigten Deutschland leben. Auf der anderen Seite aber gab es etwas, das ich die "ungleichzeitige Demokratisierung Deutschlands im Kaiserreich" nenne. Das Bismarck-Reich war nicht nur reaktionär. Es war in vieler Hinsicht fortschrittlich. Das gilt für das allgemeine Wahlrecht für Männer. Das Problem ist, dass die Demokratisierung des Reichstagswahlrechts nicht einher ging mit einer Parlamentarisierung des Regierungssystems. Die kam erst im Zuge der militärischen Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg 1918. Das erwies sich als schwere Vorbelastung der Weimarer Republik.

Kann man zum Bismarck-Jubiläum Parallelen zwischen der Lage Deutschlands nach der Reichseinigung 1871 und der Wiedervereinigung 1990 ziehen?
Wir leben in einer Zeit postklassischer Nationalstaaten, die ihre Hoheitsrechte teilweise gemeinsam ausüben oder auf supranationale Einrichtungen übertragen haben. Das gilt für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union, also auch für Deutschland. Bismarck aber ist ein Vertreter des Zeitalters klassischer souveräner Nationalstaaten, die ihre Staatsräson so definierten, wie sie es für richtig hielten. Insofern ist das eine ferne Welt. Alle Versuche, zwischen damals und heute Ähnlichkeiten herzustellen, wirken deswegen forciert. Außerdem war es eine Grundmaxime der Bismarckschen Außenpolitik, dass man Frankreich isolieren müsse. Für die deutsche Außenpolitik der Gegenwart ist eine enge Abstimmung mit Frankreich gerade von existenzieller Bedeutung.

1871 wie auch 1990 aber ist Deutschland zu einem Schwergewicht in Europa geworden.
Der Historiker Ludwig Dehio hat von dem halbhegemonialen Status gesprochen, der Deutschland 1871 zugefallen ist. Daran wird heute gelegentlich erinnert, insbesondere von angelsächsischen Historikern. Der Begriff Hegemonie passt aber nicht zu einem supranationalen Staatenverbund wie der Europäischen Union. Die Tatsache, dass Deutschland sowohl von der Bevölkerungszahl als auch von der Wirtschaftskraft her der stärkste Mitgliedstaat der EU ist, legt den Deutschen ein besonders hohes Maß an Verantwortung auf, Probleme gemeinsam mit den Partnern zu lösen. Deswegen müssen wir immer die Interessen und die Geschichte unserer Nachbarn mitdenken, wenn wir außenpolitische Entscheidungen treffen.

Kann man Lehren ziehen aus der Russlandpolitik Bismarcks - mit Blick auch auf den aktuellen Ukraine-Konflikt?

Ich wäre da außerordentlich skeptisch. Deutsch-russische Sonderbeziehungen müssen bei unseren osteuropäischen Nachbarn zwangsläufig die Erinnerung daran wecken, dass eine gemeinsame deutsch-russische Politik fast immer auf Kosten Dritter ging - auf ihre Kosten, wenn wir uns an die polnischen Teilungen erinnern. In Polen und den baltischen Ländern erinnert man sich auch noch genau an den makabren Höhepunkt deutsch-russischer Gemeinsamkeit, den Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Eine deutsch-russische Politik auf Kosten Dritter darf es nie wieder geben. Auch der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag von 1887 beruhte auf einem Status quo, zu dem die Teilung Polens gehörte.

Mit Heinrich August Winkler

sprach Andreas Hoenig