Nach dem Schock und der Empörung über die jahrelange Vertuschung von hundertfachem Missbrauch versprach die katholischen Kirche eine Kehrtwende. Eine härtere Gangart gegenüber Tätern sowie umfassende Aufklärung solle es geben, eine neue Offenheit angesichts rasant steigender Austrittszahlen. Nun aber steht die Kirche erneut am Pranger. Sie habe Zensur bei der Untersuchung von Missbrauch-Fällen ausüben wollen, lautet der Vorwurf des Kriminologen Christian Pfeiffer. Kritiker zweifeln am Aufklärungswillen und der Glaubwürdigkeit der Kirche.

Sie wolle "der Wahrheit auf die Spur kommen" und "eine ehrliche Aufklärung", hatte der Missbrauch-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz und Trierer Bischof Stephan Ackermann vor eineinhalb Jahren erklärt, als Pfeiffer mit einer umfassenden Studie beauftragt wurde. Statt Geheimhaltung sollte es erstmals Zugang zu kirchlichen Akten für externe Experten geben, möglicherweise noch unentdeckte Sachverhalte sollten ans Tageslicht geholt werden.

Genau dagegen aber habe sich schnell Widerstand in Reihen der Kirche gerührt, vor allem in den Bistümern München/Freising und Regensburg, beklagt Pfeiffer. Die Kirche habe daraufhin auf ein Vetorecht bei der Veröffentlichung von Ergebnissen gepocht - für den renommierten Kriminologen aus Hannover eine unannehmbare Einschränkung seiner Arbeit.

Selbst eine Vernichtung von Akten habe es gegeben, sagt Pfeiffer. Die Bischofskonferenz bestreitet das. Es sei um den Datenschutz von Mitarbeitern und keinen Eingriff in die Aufklärung gegangen, heißt es aus der Kirche, die statt Pfeiffer nun anderen Forschern die Studie übertragen will .

"Die Frage ist, ob die Kirche bereit ist, sich der Aufklärung und der Wissenschaft zu stellen", sagt Christian Weisner von der Bewegung "Wir sind Kirche". "Sie sollte alles tun, damit es nicht nach einer Zensur oder einem Gefälligkeitsgutachten aussieht."

Seit dem Jahr 2010, als der jahrzehntelang praktizierte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen etwa durch Priester oder Heimmitarbeiter bekannt wurde, hat die katholische Kirche einiges unternommen. Mit dem Trierer Bischof wurde ein Missbrauch-Beauftragter ernannt, die Leitlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt wurden verschärft. Bei jedem Verdacht wird nun automatisch der Staatsanwalt eingeschaltet. Eine Entschädigung von Opfern mit bis zu 5000 Euro wurde vereinbart, und deutschlandweit sammelten die Bistümer Hinweise auch auf lange zurückliegende Missbrauchsfälle. Neben Geld bot die Kirche therapeutische Hilfen und richtete unter Einbindung externer Experten Ansprechstellen für Opfer ein.

Bundesweit gingen 1200 Anträge auf Entschädigung ein.

Herr Hilgers, waren Sie von der Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durch die katholische Kirche überrascht?
Nein, das hat mich nicht überrascht. Der Institutschef Christian Pfeiffer ist ein selbstbewusster Wissenschaftler, der die Freiheit der Forschung hochhält. Und die katholische Kirche ist eine Institution, die bis zur Einsetzung eines Runden Tisches durch die Bundesregierung vor drei Jahren nur um ihren eigenen Ruf besorgt war, anstatt sich um die Missbrauchsopfer zu kümmern. Das sind völlig verschiedene Interessenlagen, die ganz offenkundig bis heute fortbestehen.

Die katholische Kirche begründet ihren Schritt mit einem zerrütteten Vertrauensverhältnis zu Pfeiffer. Ist das glaubhaft?
Nein. Ich habe den Verdacht, dass starke Kräfte in der katholischen Kirche jetzt nach der Methode Vergessen und Vergeben arbeiten. Es gibt derzeit keine Missbrauch-Skandale, über die öffentlich berichtet wird, und deshalb glaubt man in Kirchenkreisen jetzt offenbar, den Mantel des Schweigens darüber hängen zu können.

Die Kirche will die Aufarbeitung fortsetzen, nur mit einem anderen Partner.
Da bin ich skeptisch. Eher ist nun ein Gefälligkeitsgutachten zu erwarten, das mehr vertuscht als aufklärt.

Nun gab es Kindesmissbrauch nicht nur unter dem Dach der Kirche, sondern auch in staatlichen Heimen. Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit der bisherigen Aufarbeitung?
Es gab und gibt Missbrauch in Kirchen, staatlichen Einrichtungen und auch in Familien. Die Aufarbeitung dieser Vorgänge ist völlig unbefriedigend. Der als Reaktion auf die Missbrauch-Skandale eingerichtete Runde Tisch hat zwar gute Arbeit geleistet und in seinem Abschlussbericht richtige Vorschläge unterbreitet. Doch die werden von der Bundesregierung nicht umgesetzt.

Was meinen Sie konkret?
Verabredet waren zum Beispiel Forschungsaufträge zur Wirksamkeit von Therapien für die Opfer. Doch mangels bereitgestellter Mittel im Bundeshaushalt sind diese Aufträge noch nicht einmal vergeben.

Mit Heinz Hilgers

sprach Stefan Vetter