Dezember 1976 entführte der Automechaniker Dieter Zlof in Freising bei München den damals 25 Jahre alten Industriellensohn. Nach der Zahlung von 21 Millionen Mark Lösegeld (10,7 Millionen Euro) kam das Opfer zwei Tage später wieder frei.
Erst gut zwei Jahre später fasste die Polizei den Entführer. Zlof wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, die er fast bis auf den letzten Tag absitzen musste. Oetker erlitt bei der Entführung schwere Verletzungen, die ihn bis heute quälen.
Richard Oetker, Sohn des früheren Oetker-Konzernchefs Rudolf August Oetker, studierte damals in Freising. Am Abend des 14. Dezember lauerte der mit einer Maske getarnte Zlof dem Studenten der Agrarwissenschaften auf dem Parkplatz der Universität auf und zwang Oetker in den Laderaum eines Lieferwagens. Dort musste sich das Opfer in eine enge Holzkiste zwängen und sich selber Handschellen anlegen. Zlof wollte mit der teuflischen, selbst gebauten Anlage verhindern, dass sein Opfer mit lauten Schreien auf sich aufmerksam machen könnte. Die Stahlfesseln waren mit dem Stromnetz verbunden und sollten bei lauten Geräuschen Stromschläge verteilen.
Doch dann gab es eine Panne: Ein Garagentor streifte das Dach des Lieferwagens, der Lärm löste einen Stromschlag aus, zehn Mal stärker als geplant. Oetker wand sich vor Schmerzen, er erlitt in der engen Kiste neben Wirbelverletzungen vor allem komplizierte Becken- und Oberschenkelbrüche.
Dies und die gekrümmte Lage fügten Oetker irreparable Hüftschäden zu, die bis heute nachwirken: "Ich kann nicht lange stehen, und ich kann nicht weit laufen", schilderte er Anfang 2006 in Kiel anlässlich einer Ausstellung des Opferschutzvereins Weißer Ring, als er erstmals ausführlich über sein Martyrium sprach. Auch die Erinnerung sei belastend. Beispielsweise habe er in der Nähe eines der Verstecke häufiger einen Schäferhund bellen hören. "Dieses Bellen kann ich nicht vergessen. Wenn ich alleine bin und irgendwo einen Schäferhund höre, kommen die Erinnerungen an die Situation wieder hoch."
Zlof stellte damals Geldforderungen. Der Geldbote war Richards Bruder August. Der Entführer entriss ihm den Aluminiumkoffer mit dem Geld und entkam. Wenig später wurde das schwer verletzte Opfer in einem Wald bei München in einem alten Auto gefunden.
Erst nach zwei Jahren Fahndung kam die Polizei dem Entführer auf die Spur. Vor Gericht leugnete Zlof die Tat stets und gab sie erst 1996 für eine Buchveröffentlichung zu. Am Lösegeld hatte er wenig Freude: Mehr als die Hälfte der Beute wurde 1997 bei ihm sicher gestellt, ein zweiter Teil verrottete in vergrabenen Plastiksäcken. Bei dem Versuch, halbwegs erhaltene Lösegeld-Tausender im Wert von 12,5 Millionen Mark umzutauschen, wurde Zlof 1997 in London festgenommen und dort wegen versuchter Geldwäsche und Betrugs zu zwei Jahren Haft verurteilt. Als er die Hälfte dieser Strafe verbüßt hatte, wurde er nach Deutschland abgeschoben.
"Ich verspüre heute keinen Hass gegen ihn", sagte Oetker. Dass Zlof die volle Höchststrafe von 15 Jahren abgessen hat, sei ihm aber wichtig: "Wichtig ist, dass ein Täter eine angemessene Strafe bekommt, um damit andere zu warnen, dass sich Verbrechen nicht lohnt." Er sei ohne die Hilfe von Psychiatern ausgekommen - wegen der immer neuen Befragungen bei der langen Fahndung nach Zlof. Damit sei er aber eine Ausnahme. "Opfer kommen unvorbereitet in diese Rolle und stehen meist unter Schock. Während sich der Staat um die Täter kümmert, stehen Opfer oft allein da."