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Bier braucht Heimat

Es ist nicht so preiswert wie Oettinger oder Karlskrone, dafür – meist – naturtrüb und selbst gemacht. Die breite Palette der Fass- und Flaschenbiere ganz kleiner bis mittelgroßer heimischer Brauereien hält sich am Markt. Einige Hersteller verzeichnen sogar langsam steigenden Absatz. Dabei lassen sich die Brauer immer wieder Neues einfallen. Von der WM erwarten sie sich einen kurzfristigen Umsatz-Schub in den Gaststuben. Von Daniel Preikschat

Wenn es nach ihm ginge, bliebe die Leinwand eingerollt. „Ich bin nicht so der Fußball-Fan“ , gesteht Brauerei-Chef Dr. Torsten Römer aus Schlepzig im Landkreis Dahme-Spreewald. Weil es aber selbstverständlich nicht nach ihm gehe, sondern nach den Gästen, werde es wohl so kommen, dass die Leinwand ausgefahren wird. Knapp über den beiden glänzenden Sudpfannen aus Kupfer werden sich die WM-Spiel-Dramen im rustikalen Ambiente eines Brauerei-Gasthauses abspielen - verfolgt von Gästen mit einem Glas Zwickel, Spreelator oder Weizen in der Hand. Mag sein, das Bier fließt dank der WM reichlicher aus den Hähnen, so Römer. Der Nicht-WM-Fan will darüber aber nicht lange spekulieren.
Lieber zeigt er sein neues Produkt: Spreelator Doppelbock in der Flasche. Das Etikett zeigt einen Storch in Genießer-Pose. 40 Kisten bringt der Brauhaus-Chef fürs erste unters Volk. Sonst beschränkt er sich weit gehend auf Fassbier. 100 000 Liter jährlich braut Römer. Weizenbier, Zwickel, Dunkles und Spreelator, alles unfiltrierte, naturtrübe Biere, die zunehmend besser ankommen in den 20 Spreewald-Gasthäusern, die Römer mittlerweile beliefert. Zweidrittel seiner Produktion gingen dort hin. Das Fassbier sei nicht das preiswerteste, weil aufwändig selbst hergestellt, so Römer. Dennoch trinken es Touristen gern. „Die wollen ein Spitzenbier aus der Region, etwas Individuelles. Dafür sind sie bereit, mehr zu zahlen.“ Römer bringt an dieser Stelle seinen Lieblingsspruch an: „Bier braucht Heimat.“
Nicht nur Torsten Römer sieht das so. Mindestens sieben weitere Brauereien behaupten sich in der Region mit eigenen Gerstensäften auf dem Markt. Die meisten Brauerei-Chefs führen zugleich ein Gasthaus. Die Brüder Kircher in Drebkau (Spree-Neiße) haben zwar ebenfalls eins. Doch anders als ihre Kollegen in den kleineren Brauhäusern geben sie den Großteil ihrer 600 000 Liter Jahresproduktion in den Getränkehandel. Pils, Schwarzbier, Lager und Porter gibt es vor allem in Cottbus.
Seit November bieten Kirchers noch eine Sorte an: das Cottbuser Jubiläumsbier zum 850. Geburtstag der Stadt. „Ein mildes Pils“ , von dem bisher 10 000 Kästen verkauft wurden, das also wohl gut ankommt, sagt Kircher. Cottbus, so Kircher, sei kein einfacher Markt. Die Gastronomen sind über lang laufende Verträge an Großhändler gebunden. „Da kommt man schwer rein.“ Zudem mögen die Cottbuser lieber klares Bier. Obwohl das naturtrübe näher an das deutsche Reinheitsgebot rankomme, gehaltvoller sei und runder im Geschmack. Also filtern die Kirchers das Bier vor dem Abfüllen.
Zweiter Absatzmarkt der Drebkauer neben Cottbus ist der südliche Spreewald. „Aber dort ist eben auch nur sechs Monate Saison“ , beschreibt Kircher die Grenzen der Absatzchancen. Die Brauer seien froh, wenn sie ihr Produktions-Level halten.
Im sächsischen Wittichenau hatte die Stadtbrauerei 1996 noch 36 Mitarbeiter, die 2,5 Millionen Liter Bier produzierten. Heute, sagt Johannes Glaab, zuständig für Marketing und Direktvertrieb, schwankt die Jahresproduktion zwischen 1,5 und zwei Millionen Litern. Der Familienbetrieb beschäftigt noch 24 Leute. Glaab: „Hoyerswerda ist unser Hauptabsatzmarkt. Aber die Stadt verliert massiv Einwohner.“ Gaststätten und Kaufmärkte nehmen neun Wittichenauer Sorten ab. Mit Krabat Trunk, Krabat Pils, St. Marien Klosterbräu und St. Marienstern Klosterbräu bietet die Stadtbrauerei Bier für die Region. Wird davon während der WM mehr getrunken? Glaab glaubt schon: „Wir haben Bier-Bestellungen von unserem katholischen Jugendverein, der die Spiele im Kulturbahnhof zeigt.“ Auch in Finsterwalde habe ein Jugendverein Bier für seine WM-Fete geordert.
Arno Schelzke, Geschäftsführer der Schlossbrauerei Fürstlich Drehna (Dahme-Spreewald), erkennt zwar keinen WM-Effekt, wartet aber dennoch mit erfreulichen Geschäftszahlen auf: 20 Prozent mehr Absatz voriges Jahr als 2004. Zwei Millionen Liter Bier haben die fünf Brauer 2005 hergestellt. An Sorten-Vielfalt, so Schelzke, suche die Brauerei ihresgleichen. Mit 14 verschiedenen Bieren versuchen die Fürstlich Drehnaer Nischen im Markt zu besetzen - nicht nur in der Region mit Marken wie Fürst Lynar. Der Odin Trunk mit Honiganteil werde bundesweit geordert. „Den holen sich die Großhändler bei uns ab“ , so der Geschäftsführer stolz. Immer noch mehr Innovationen will der 16-Mann-Betrieb kreieren. Neuestes Erzeugnis ist der Himbeerlimo-Bier-Mix Potsdamer.
Eher bescheiden gibt sich der Forster Brauer Franz Worrich. „Ich bin ja nun der kleenste in der Region.“ 20 000 Liter selbst gebraute Schwarze Jule und Forster Zwickel schenkt Worrich in seinem Sport-Pub jährlich aus. „Klar“ , sagt er, „verspreche ich mir von der WM einen Schub. Die Leute fragen seit Wochen, ob sie bei mir die Spiele sehen können.“ Natürlich könnten sie das. Am Tag des Aufstiegs von Energie Cottbus habe der Forster gemerkt, wie viel besser das Geschäft plötzlich läuft. „Die haben bei mir bis in die Nacht gefeiert.“ Bernhard Ra digk von der Wirtshausbrauerei in Finsterwalde (Elbe-Elster) formuliert es eher derb: „Wenn die Klinsmänner die Arschbacken zusammenkneifen, verkaufen wir auch mehr Bier.“ Radigk wollte die WM, mit der Stadt Finsterwalde, im großen Stil gastronomisch ausschlachten. Doch der Traum vom Schloss-Stadion platzte. 800 Besucher sollten im Hof des Finsterwalder Schlosses alle Spiele auf Großleinwand sehen. Die Lizenz aber, die WM-Kicks auf einer mehr als zwei mal zwei Meter großen Leinwand zu zeigen, lasse sich die Fifa teuer bezahlen - „da haben wir's sein lassen.“
Andreas Labsch vom Brauhaus "Zur Linde" in Jänschwalde (Spree-Neiße) geht es wie Torsten Römer in Schlepzig. Er zeigt die Spiele nur, weil seine Gäste das wünschen. Nach der WM verschwinde der Fernseher wieder. „Ich finde, der gehört nicht in ein Gasthaus.“ Zum TV-Spaß gibt es bei Labsch unfiltriertes Pils oder Dunkelbier. Der Jänschwalder stellt es ganz allein her - 12 000 Liter im Jahr, schätzt er. Franz Worrich im nahen Forst mag das mit Interesse hören. Denn damit ist nicht seine, sondern die Jänschwalder Brauerei in der Region „die kleenste“ .

Hintergrund Lausitzer Bier-Brauereien
Schloßbrauerei Fürstlich-Drehna (Dahme-Spreewald): 14 Sorten Flaschenbier, von Gambrinus Pils und Fürst Lynar über Karamel und Doppelbock bis hin zum Odin Trunk mit Honiganteil; Jahresproduktion: zwei Millionen Liter.
Stadtbrauerei Wittichenau (Landkreis Kamenz): Neun Sorten Flaschenbier, von Wittichenauer Gold und Wittichenauer Premium Pils über St. Marienstern Klosterbräu bis hin zum Krabat Pils; Jahresproduktion: zwischen 1,5 und zwei Millionen Liter.
Kircher Brauhaus Drebkau (Spree-Neiße): Kirchers Premium, Kirchers Schwarzbier als Flaschen- und Fassbier, Spreewald Lager und Spreewald Porter als Fassbier; Jahresproduktion: 600 000 Liter.
Spreewälder Privatbrauerei Schlepzig (Dahme-Spreewald): Zwickel, Weizenbier, Dunkelbier und Spreelator-Starkbier im Fass; Jahresproduktion: 100 000 Liter.
Brauerei Babben Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz): Dunkles Spezial, Pils und Weizen im Fass; Jahresproduktion: 60 000 Liter.
Worrichs Pub Forst (Spree-Neiße): Forster Zwickel, Schwarze Jule im Fass; Jahresproduktion: 20 000 Liter.
Brauhaus Zur Linde Jänschwalde (Spree-Neiße): Pils und Dunkelbier im Fass; Jahresproduktion: 12 000 Liter.
Wirtshausbrauerei Radigk Finsterwalde (Elbe-Elster): Pils, Dunkelbier, Maibock, Weizenbier, Fass- und Flaschenbier; Jahresproduktion: keine Angaben.