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Bewegendes Gedenken an die Millionen Opfer der Nazis

Berlin/Krakau. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Gefangenen des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz. Seit 1996 wird an diesem Tag weltweit an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert – und um Frieden und Vielfalt geworben. Werner Herpell

In einer bewegenden Gedenkstunde hat der Bundestag an die Millionen Opfer der Nazis erinnert und erstmals das grausame "Euthanasie"-Programm in den Mittelpunkt gestellt. "Wir gedenken in diesem Jahr besonders der Kranken, Hilflosen und aus Sicht der NS-Machthaber "Lebensunwerten", die im sogenannten Euthanasie-Programm ermordet wurden: 300 000 Menschen, die meisten zuvor zwangssterilisiert und auf andere Weise gequält", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Freitag in Berlin.

Zwischen "Euthanasie" und Völkermord an den Juden habe "ein enger Zusammenhang" bestanden. "Als "Probelauf zum Holocaust" gilt das Töten durch Gas, das zuerst bei den "Euthanasie"-Opfern praktiziert und damit zum Muster für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern wurde. Der Parlamentspräsident betonte die Verantwortung Deutschlands, diese Verbrechen nie zu vergessen, und verwies auf den Artikel 1 des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Lammert fuhr fort: "Doch die Geschichte zeigt: Die Würde des Menschen ist antastbar. Nirgendwo wurde dieser Nachweis gründlicher erbracht als in Deutschland." Besonders anrührend war der fünfminütige Auftritt von Sebastian Urbanski am Rednerpult des Bundestags: Der 38 Jahre alte Schauspieler aus Berlin hat das Down-Syndrom - er las aus einem Brief von Ernst Putzki, den die Nationalsozialisten 1945 im "Euthanasie"-Programm umgebracht hatten. Es war das erste Mal in der Geschichte des Bundestags, dass dort ein Mensch mit geistiger Behinderung sprach.

Seit dem Jahr 1996 wird auf Anregung des damaligen Staatsoberhaupts Roman Herzog am 27. Januar - dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau - in Deutschland der NS-Opfer gedacht. 2005 riefen die Vereinten Nationen diesen Tag zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus.

Auf dem Auschwitz-Gelände gedachten Holocaust-Überlebende der Millionen Opfer. "Das Leid, das Euch dort widerfahren ist, ist für uns unvorstellbar", sagte Polens Regierungschefin Beata Szydlo zum 72. Jahrestag der Befreiung des Lagers bei Krakau. Die Geschehnisse dürften nie vergessen werden, Erinnerung sei die Pflicht nachfolgender Generationen. Am Vormittag waren Blumen an der sogenannten Todeswand niedergelegt worden, an der Tausende Häftlinge erschossen worden waren. Auschwitz-Überlebende warnten vor den rechtspopulistischen Bewegungen in vielen Ländern Europas.

Auch in Sachsen und Brandenburg wurde der NS-Opfer gedacht. Brandenburgs Landtagsvizepräsident Dieter Dombrowski warnte vor der Verbreitung von Unwahrheiten durch Rechtspopulisten und Rechtsextremisten. "Gerade in Zeiten neuer Gefährdungen für die Demokratie werden wir nicht zulassen, dass NS-Verbrechen verharmlost und die Opfer verhöhnt werden, dass Lügen so viel zählen wie die Wahrheit", sagte Dombrowski auf der Gedenkfeier des Landes in der Gedenkstätte Sachsenhausen. "Die Wahrheit bekannt zu machen und in der Öffentlichkeit zu vertreten, das ist unsere Verantwortung." Man dürfe nicht zulassen, dass NS-Verbrechen verharmlost und die Opfer verhöhnt würden, betonte Dombrowski.

Staatssekretär Martin Gorholt verwies im polnischen Slonsk auf die Aufgabe der Versöhnung zwischen den Deutschen und Polen. "Die gemeinsame Bewältigung der Geschehnisse hilft, unsere freundschaftlichen Beziehungen zu festigen und zu vertiefen", sagte Gorholt. In Slonsk hatten die Nationalsozialisten bis zu 3000 Oppositionelle aus vielen Nationen inhaftiert. In der Endphase des Krieges wurden mehr als 800 Menschen hingerichtet.

Mit einer bewegenden Gedenkstunde erinnerte der sächsische Landtag an die Opfer der NS-Zeit. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) verband seine Worte des Erinnerns mit einer Warnung vor neuem Unheil in der Gegenwart. Klare Worte fand er für all jene, die mit einer "neuen Sprache des Hasses" geistige Brandstiftung betreiben: "Egal, ob im Internet oder auf der Straße. Ein sehr sensibles Messinstrument, wie es um den verantwortlichen Umgang mit unserer Geschichte bestellt ist, ist unsere Sprache." Wer Begriffe aus der NS-Zeit benutze, werde dieser Verantwortung nicht gerecht.