Auf die nächste Woche hatte sich Josephine schon lange gefreut. Endlich würde sie einmal Pink, eine amerikanische Sängerin, die sie anhimmelt, auf einem Konzert sehen und hören können. Ihre Lieblingsmusik. Oft rockig laut, manchmal auch nachdenklich melancholisch, aber immer mit viel Gefühl.

Das Pink-Konzert nächste Woche in Berlin erlebt Phine nicht mehr. Mehr als 100 Trauergäste haben sie am Freitag am frühen Nachmittag in Lauchhammer zu Grabe getragen. Phines Herz hat am 18. Februar auf der Kinderkrebsstation in der Berliner Charité aufgehört zu schlagen. Neun Monate zuvor hatte das Mädchen und mit ihr die ganze Familie den Kampf aufgenommen gegen den Krebs, der konkret Non-Hodgkin-Lymphon hieß.

Die Sorge um Phine war im Sommer 2008 öffentlich geworden. Nicht nur die seltene Krankheit – eins von 100 000 Kindern zählt die Statistik –, auch die Ängste der Mutter, in dieser schwierigen Lebenssituation nicht ausreichend für ihr Kind da sein zu können, ließen aufhorchen.

Tägliche Besuche

Die Ärzte raten zum täglichen Besuch der Mutter in der Klinik, das täte der jungen Patientin gut. Doch Ute Kühne ist arbeitslos und hat mit Paul (13), Daniel (11) und Leon (6) noch drei jüngere Kinder, für die sie in Lauchhammer zu sorgen hat. Die häufigen Fahrten vom Wohnort in die Klinik finanzieren weder Krankenkasse noch Jobcenter oder Sozialamt. Ihr fehlt das Geld, sie weiß sich keinen Rat und sucht Hilfe. Als die RUNDSCHAU im August erstmals davon berichtet, zahlen viele Leser auf das Konto des Lausitzer Spendenvereins „Wir helfen“ e. V. ein. Davon können Tankgutscheine gekauft werden, die der Mutter die Fahrten ermöglichen. Auch andere Hilfsaktionen kommen zustande, unterstützen die Familie, sprechen Mut zu. Ute Kühnes Eltern, Horst und Ingeborg Lehmann, und die Familien ihrer drei Geschwister rücken noch näher zusammen, wechseln sich am Krankenbett ab, kümmern sich um die Jüngeren. Zu ihrem 16. Geburtstag am 27. Dezember erfüllt „Wir helfen“ auch Phines großen Wunsch nach einem schick eingerichteten Jugendzimmer. Es soll ihr Kraft geben und Lebensmut. Nicht einmal zwei Tage kann sie es genießen, dann muss sie mit Schmerzen und Fieber in die Klinik. Sie kehrt nicht mehr lebendig zurück.

Auf dem Bett, das sie sich freudestrahlend ausgesucht hatte, liegen jetzt jede Menge Schutzengel. „Die haben alle versagt“, sagt Ute Kühne unter Tränen und nimmt hilflos einige Gegenstände in die Hand, öffnet und schließt Schranktüren. Sie hält das kleine Zimmer verschlossen, so, als wollte sie Vergangenes festhalten.

Der Schmerz hört nicht auf

Das Foto zeigt ein hübsches Mädchen mit dunklen Haaren und einem „Ich-weiß-was-ich-will-Blick“ – Phines Jugendweihebild. Es steht dort, wo es, wenn es nach der für richtig gehaltenen Reihenfolge beim Sterben gegangen wäre, nie hingehört hätte: in der Trauerhalle. Daneben eine mit einem Engel verzierte weiße Urne. Als ihre Mitschüler davor für Phine Kerzen anzünden, weinen sie. Vor allem Christopher. Der Schmerz über den Verlust der Freundin will auch drei Wochen nach ihrem Tod nicht aufhören. Trost braucht auch Martin. Er sitzt im Rollstuhl. Sein Bruder und Freunde halten ihm liebevoll die Hände. Phine hat sich um ihn gekümmert. Daraus ist ihr Wunsch gewachsen, später Heilerziehungspflegerin zu lernen und mit Behinderten zu arbeiten.

Später gibt es nicht mehr. Tina, die beste Freundin, hat zum Abschied Musik ausgewählt. Pink singt ein leises Lied.