ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:00 Uhr

Bewegend und bewegt – Lübbener begleiteten Zeitzeugen

Das hätte er sich als 16-Jähriger nicht getraut, sagte FDP-Chef Guido Westerwelle zu Sabrina Nieschke (16), Victoria Handschik (15), Verena Gillmeister (16) und Janine John (15) aus Lübben. Von Dörthe Ziemer

Die vier Mädchen aus der Lausitz haben am Sonntag die zentrale Feierstunde zum Volkstrauertag im Berliner Reichstag mitgestaltet. Sie haben dort gestanden und gesprochen, wo sonst Parlamentarier, Minister und der Kanzler über Gesetze debattieren.
Sabrina, Victoria, Verena und Janine sitzen auf den Plätzen der Vertreter des Bundesrates. Links vom Bundesadler, in der zweiten Reihe. „Der Saal sieht von dort total klein aus“ , sagt Sabrina später. Die Mädchen schauen zu, wie Guido Westerwelle, Angela Merkel, Renate Künast, weitere Vertreter von Regierung, Parteien, Kirchen und Verbänden im Saal Platz nehmen. Und sie werden angesehen.
Die Mädchen sprechen an dem Rednerpult, das schon hundertmal im Fernsehen zu sehen war und an dem sie die Jüngsten sind, die je dort gestanden haben. Sie strahlen Ruhe aus, lesen souverän ihre Parts. Hier und da verschlucken sie eine Silbe, an anderer Stelle wird eine Endung überbetont. Keine Versprecher, keine Räusper. Es ist zu hören, dass sie viel geübt haben. „Die Hände“ , erzählen sie später, „zitterten nicht mehr, als wir zu lesen begannen.“
Als es geschafft ist, strahlen die Mädchen Erleichterung aus. „Haben wir zu sehr gelacht„“ , fragen sie nach der Feierstunde die Eltern, die an den Bildschirmen zu Hause saßen. „Ihr wart superhübsch und habt das toll gemacht“ , antwortet die Mutter von Victoria Handschick am Handy.
Wichtiger als das Wie des Vortrages ist aber, dass die Zehntklässlerinnen überzeugend wirken. Zwar haben sie ihre Texte nicht selbst geschrieben, aber dafür verinnerlicht, was sie da vortragen. „Die Überlebenden wurden unter schlimmsten Strapazen nach Sibirien überführt. Viele brachen unterwegs zusammen, Tausende überlebten die Not im Lager nicht.“ Damit leitet Janine über zu der Erzählung von Detlev Kramer. Er berichtet von einem Weihnachtsfest in Sibirien, an dem er einen Kameraden begraben und Kartoffeln von einem Russen geschenkt bekommen hat.
Beim Empfang nach der Feierstunde will Bundespräsident Horst Köhler die Mädchen sprechen. Er sagt ihnen, er habe den Eindruck gehabt, dass sie innerlich bewegt gewesen seien von dem, was sie da vorgelesen und gehört haben. Die Mädchen bejahen, lassen sich fotografieren und ein Autogramm geben. Ein rumänischer Journalist möchte den Text der Schülerinnen in seiner Zeitung abdrucken.
Während die Mädchen am Samstag die Lesung zusammen mit den Zeitzeugen probten, konnten sie nicht mitbekommen, dass in Halbe, wo sie sich intensiv auf ihren Vortrag vorbereitet hatten, Gegendemonstranten den Aufmarsch von Neonazis verhinderten. Als Sabrina, Victoria, Verena, Janine und ihre Lehrerin Astrid Burisch am Abend im Zug nach Lübben saßen, sahen sie einige nach Hause fahrende Neonazis. Eine Gruppe ist dann später durch Lübben marschiert. Ihnen zu erzählen, was sie im Berliner Reichstag vorgelesen haben, dazu wären die Mädchen jederzeit bereit. „Aber ob man mit denen reden kann““ , fragt sich Janine.