Nicole N. versucht nach dem Ende der Urteilsbegründung, möglichst schnell mit gesenktem Blick an den Fernsehkameras vorbei aus dem Schwurgerichtssaal des Cottbuser Landgerichtes zu kommen. Ihre Anwältin, Sandra Nauck, sagt später, dass ihre Mandantin natürlich sehr erleichtert sei, dass das Gericht sie nicht ins Gefängnis geschickt habe: "Es wird aber noch lange dauern, bis sie das alles verwunden hat."

Die 32-jährige Nicole N. aus dem Elbe-Elster-Kreis hatte in einer Dezembernacht 2012 ihren damals sechs Monate alten Sohn Tim kurz aus dem Bettchen gehoben und geschüttelt. Sie selbst und das Kind waren stark erkältet, hatten Fieber. Als das Kind immer wieder schrie und nicht zu beruhigen war, seien ihr "die Sicherungen durchgebrannt", wie sie im Rahmen eines ausführlichen Geständnisses vor Gericht sagte. Drei Wochen später starb der Säugling im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum an den Folgen des Schüttelns.

Die Staatsanwaltschaft hatte sie anfänglich wegen Totschlags angeklagt, im Plädoyer jedoch selbst in der Tat nur noch eine Körperverletzung mit Todesfolge gesehen. Der Anklagevertreter forderte dafür die Mindeststrafe von drei Jahren Haft.

Das Gericht kam jedoch zu der Überzeugung, dass es sich bei der Tat von Nicole N. in der Gesamtschau der Umstände um einen "minderschweren Fall" handelt. Dafür lässt das Strafgesetzbuch auch eine zweijährige Haft zu, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Davon machte das Gericht Gebrauch. "Der Fall hat es der Kammer nicht leicht gemacht, wir haben lange beraten", so der vorsitzende Richter Frank Schollbach.

Das Gericht hielt der gelernten Friseurin zugute, dass sie bis zu dem verhängnisvollen Augenblick ihrem Sohn eine liebevolle Mutter war und dass sie zu diesem Zeitpunkt eine fieberhafte Erkältung hatte. Außerdem litt sie damals noch immer darunter, dass der Kindesvater im siebenten Schwangerschaftsmonat die Beziehung mit ihr beendet hatte.

Strafmildernd werteten die Richter auch, dass Nicole N. sich selbst anzeigte, als ein Arzt im Krankenhaus ein mögliches Schütteltrauma als Ursache für den Zustand des Babys ansprach. Dass sie das Schütteln selbst bis dahin verdrängt hatte, habe ein psychiatrischer Gutachter im Verfahren als durchaus möglich beschrieben, so Schollbach in der Urteilsbegründung.

Gewürdigt würde bei der Strafzumessung auch die erhebliche Reue der Kindsmutter, und die Tatsache, dass sie in Folge der Tat eine psychische Störung entwickelt habe, wegen derer sie noch in Behandlung sei. "Wir sind in der Kammer überzeugt, dass die Angeklagte der Vollstreckung der Haftstrafe nicht bedarf", fasst Schollbach die wesentlichen Entscheidungsgründe zusammen.

Staatsanwalt Martin Mache wollte sich nach der Urteilsverkündung noch nicht festlegen, ob die Anklagebehörde gegen die Bewährungsstrafe in Revision geht: "Wir werden das alles in Ruhe prüfen." Auch der Kindesvater, der als Nebenkläger im Prozess saß, lässt sich diese Entscheidung noch offen. "Wir werden das jetzt erst mal sacken lassen", so sein Anwalt.