Dagegen sprach die Umweltschutzorganisation BUND von einem "Beinahe-GAU in Schweden" und forderte die Bundesregierung auf, den gesetzlich vereinbarten Atomausstieg zu beschleunigen. Das Bundesumweltministerium teilte gestern mit, der Stromausfall im Atomkraftwerk Forsmark, der zur vorsorglichen Abschaltung von vier der zehn Kraftwerke in Schweden geführt hatte, sei ein "sicherheitstechnisch ernstes Ereignis". Es werde geprüft, ob die technischen Mängel bei der Notstromversorgung auch bei deutschen Meilern möglich seien.
Fünf gegenwärtig noch arbeitende schwedische Atomreaktoren erhielten gestern von den Behörden grünes Licht, weiter am Netz zu bleiben. Das schwedische Atomkraftinspektorat erklärte, es sei "zuversichtlich", dass die Reaktoren mit "genügender Sicherheit" weiterbetrieben werden könnten. Auch in Schweden wurde eine neue Debatte über die Nuklearenergie ausgelöst. Sowohl die Grünen als auch die Linkspartei, die beide die regierenden Sozialdemokraten im Parlament unterstützen, sprachen sich für eine Abschaltung von Reaktoren aus.

Störfall der Kategorie 2
Ein Sprecher der Internationalen Atomenergieorganisation IAEO in Wien bestätigte, dass die Schweden den Zwischenfall vom 26. Juli als Störfall der Kategorie 2 an die Behörde gemeldet hätten. Danach habe für Menschen keine Gefahr bestanden. Für Störfälle gibt es eine internationale Skala von null bis sieben.
Eine Sprecherin des deutschen Umweltministeriums sagte, es müsse rasch geklärt werden, ob in den deutschen Atomkraftwerken die Notstromsysteme oder Komponenten vom Hersteller AEG geliefert worden seien, "die in Schweden möglicherweise Ursache der gravierenden Auswirkungen des Kurzschlusses waren". An der Prüfung beteiligt sind die Gesellschaft für Reaktorsicherheit, das Bundesamt für Strahlenschutz und die Atomaufsichtsbehörden der Länder.
Aus Kreisen der Energiewirtschaft verlautete, dass erste Analysen in den 17 deutschen Kernkraftwerken ergeben hätten, dass der schwedische Störfall nicht übertragbar sei. Falsch sei, dass in Forsmark eine Kernschmelze gedroht habe. Die Kühlung habe zu keiner Zeit versagt, hieß es weiter.
Nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland soll es im Februar 2004 und im Oktober 2005 in Biblis ähnliche Ausfälle der Notstromaggregate wie jetzt in Schweden gegeben haben. Im Kraftwerk Forsmark, das vom Energiekonzern Vattenfall betrieben wird, waren nach einem Ausfall der Stromversorgung zwei der vier Dieselaggregate zur Notstromversorgung nicht wie geplant automatisch angelaufen.

Informationspolitik kritisiert
Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die im Norden die Aufsicht über die von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel hat, kritisierte die Informationspolitik des Konzerns. "Ich hätte erwartet, dass der Betreiberkonzern uns unverzüglich über ein solches Ereignis in einer von ihm in Schweden betriebenen Anlage informiert", erklärte sie. Das Ministerium habe von dem Störfall aus der Presse erfahren. Sie wandte sich gegen Bestrebungen, die Laufzeit von Brunsbüttel zu verlängern. (dpa/ta)