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Betonkrebs, Tempolimit und kein Ende in Sicht

Berlin-Pendler aus der Lausitz werden über Jahre viel Geduld brauchen. Wo heute Betonkrebs zu Tempolimit auf den A 13 und A 15 geführt hat, werden in den nächsten Jahren Baustellen aufgemacht. Zusätzlich soll es rund um den Flughafen BER zum Verkehrskollaps kommen.
Berlin-Pendler aus der Lausitz werden über Jahre viel Geduld brauchen. Wo heute Betonkrebs zu Tempolimit auf den A 13 und A 15 geführt hat, werden in den nächsten Jahren Baustellen aufgemacht. Zusätzlich soll es rund um den Flughafen BER zum Verkehrskollaps kommen. FOTO: jg
Cottbus. Ein vorhergesagter Verkehrskollaps rund um den Flughafen BER. Langwierige Autobahn-Baustellen zwischen Berlin und der Lausitz. Das fehlende zweite Bahngleis, um den Regionalexpress 2 pünktlich verkehren zu lassen. Berlin-Pendler aus der Lausitz werden bald noch mehr Geduld brauchen. Christian Taubert

Schreck in der Morgenstunde. Auf der Fahrt nach Berlin werden Autofahrer am vergangenen Freitagmorgen hinter der Abfahrt Vetschau auf Tempo 80 gebremst. Es ist nur eine Fahrspur zu nutzen. Betonkrebs (?), schießt es durch den Kopf. Wird hier ein neuer Abschnitt mit Tempolimit eingerichtet?

Immerhin: Sechs Mal zwischen der Lausitz und Berlin müssen Autofahrer inzwischen vom Gaspedal, um kilometerlange Abschnitte mit Straßenschäden zu passieren. An den Autobahnen A 15 und A 13 - im Schnitt gerade einmal 20 Jahre alt - nagt nicht der Zahn der Zeit. Es seien auch keine herkömmlichen Schlaglöcher, wie die Sprecherin des Brandenburger Autobahnamtes Cornelia Mitschka erläutert. "Die Fahrbahnen leiden an Betonkrebs" (siehe Infobox).

Wie Cornelia Mitschka verdeutlicht, "weisen die Betondecken teilweise über alle drei Fahrspuren zunehmende Risse auf". Ursache dafür sei eine Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR). Gegenwärtig ist der Landesstraßenbetrieb am Dreieck Spreeau/A 10/12, den Autobahnen 2 und 9 sowie vielen weiteren Abschnitten in nahezu allen Landesteilen dabei, Einzelfelder und die komplette Fahrbahn auszutauschen. Oder zumindest erste Gefahrenstellen zu entschärfen.

Was nach dem vorsorglichen Versiegeln der Risse passiert, bekommen Kraftfahrer auf den Lausitzer Autobahnen zurzeit zu spüren. Bis zu einer Fahrbahnerneuerung wird den geflickten Betonpisten ein Tempolimit verpasst. "Autobahnabschnitte mit Betonkrebs bergen ein unkalkulierbares Risiko", rechtfertigt der Leiter der Autobahnmeisterei in Gallinchen, Gerald Jahn, die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Der Beton werde mürbe. Die Rissbildung sei parallel zur Fuge und zum Teil 15 bis 18 Zentimeter tief ausgeprägt.

Der Autobahnexperte verweist auf die Gefahr, dass etwa durch Lkws größere Brocken herausgerissen und auf andere Fahrzeuge geschleudert werden. "Deshalb gehen wir mit dem Tempo runter", sagt Jahn. Auf das Argument, dass zum Beispiel auf dem 2,4-Kilometer-Abschnitt zwischen den Abfahrten Boblitz und Vetschau keine Auffälligkeiten an der Fahrbahn zu sehen seien, hier aber trotzdem Tempo 80 "verordnet" wurde, erklärt Jahn: "Das ist das schlimmste Teilstück im Südbereich."

Ehe die Lausitzer Autobahnen allerdings für Erneuerungen angefasst werden, dürften Jahre vergehen. Bauarbeiten in dem besagten Bereich vor Vetschau leiden zudem darunter, dass die Gegenfahrbahn erst einmal für den vierspurigen Baustellenverkehr vorbereitet werden muss. Da heute nicht mehr nur Absperrstreifen auf die Fahrbahn geklebt werden, sondern eine Fahrbahn mit vier Spuren durch eine feste Mittelleitplanke begrenzt sein muss, reicht die einst gebaute Fahrbahnbreite nicht aus. "Wir müssen verbreitern", sagt Jahn, was auf Baustelleneinschränkungen noch vor den eigentlichen Arbeiten auf der Gegenspur hinausläuft.

"Betriebspflicht ist Aufgabe des Landesbetriebes Straßenwesen", sagt der Verkehrsexperte der CDU-Fraktion im Brandenburger Landtag Rainer Genilke. Doch um bauen zu können, müssen erst einmal Planungen vorliegen. Und daran hapert es. Denn nach erheblichen Personalreduzierungen in den vergangenen Jahren sind die Planungsabteilungen im Infrastrukturministerium - auch infolge der Betonkrebs-Misere - überfordert. Vor 2018 dürfte die Betonkrebs-Beseitigung in Südbrandenburg kaum beginnen.

Das heißt für Berlin-Pendler auch, dass die Staugefahr auf den A 13 und A 15 genau zu jenem Zeitpunkt steigt, wo infolge der Inbetriebnahme des Flughafens BER rund um Schönefeld ein Verkehrskollaps befürchtet wird. Zumindest hat Dahme-Spreewald-Landrat Stephan Loge mehrfach darauf hingewiesen, dass er mit dem Start des BER damit rechne, dass es im Flughafenumfeld zu einer hohen Überlastung der Verkehrsinfrastruktur kommen werde.

Für den SPD-Politiker ist das eine einfache Rechnung. Denn wenn der BER ans Netz gehe, würde Schönefeld-alt als Billigflieger-Terminal voll in Betrieb bleiben. Mit der Schließung von Tegel hätten BER und Schönefeld-alt schon rund 30Millionen Passagiere pro Jahr abzufertigen. Loge verweist zudem auf rund 20 000 Arbeitskräfte am neuen Standort, die täglich zwischen Wohn- und Arbeitsort pendeln müssten.

Aus Loges Sicht müsse schnell ein großräumiges Verkehrskonzept entwickelt werden, um die sich abzeichnenden Probleme bewältigen zu können. Hierfür braucht der Landrat alle am BER beteiligten Akteure mit ins Boot. Zumal das vorhergesagte Szenario bislang die mit dem BER in Zusammenhang stehende Zunahme des Lkw-Verkehrs noch außer Acht gelassen hat.

Um den Problemen zumindest auf den Autobahnen vorzubeugen, hat eine Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus schon vor Jahren den sechsspurigen Ausbau der A 13 zwischen Schönefelder Kreuz und Spreewalddreieck gefordert. Bis heute ist dieses Projekt nicht einmal im Bundesverkehrswegeplan erwähnt.

Um Betonkrebs-Staus und Schönefeld-Kollaps zu umfahren, bliebe Berlin-Pendlern aus der Lausitz letztlich der Umstieg auf die Bahn. Doch auch da ist das Land erst in Planung für das dringend benötigte zweite Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus, das dem Regionalexpress 2 zu mehr Pünktlichkeit verhelfen soll.

Der Schreck in der Morgenstunde bei Vetschau hat sich als temporäre Baustelle herausgestellt. Das wird in den nächsten Jahren auf Lausitzer Autobahnen aber eher eine Seltenheit bleiben.

Zum Thema:
Als Betonkrebs wird eine Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR) bezeichnet. Dabei reagiert vor allem amorphe Kieselsäure, die in bestimmten Gesteinen enthalten sein kann, mit den im Porenwasser des Zementsteins enthaltenen Alkalien. Infolge dessen bildet sich ein Alkali-Kieselsäure-Gel. Dadurch dehnt sich das Material aus - es kommt zur Rissbildung im Beton. In der Folge können diese Risse bei Fortschreiten des Prozesses das gesamte Betongefüge zerstören. Fahrzeuge, die solche Fahrbahnen mit hoher Geschwindigkeit überfahren, reißen die losen Betonbrocken aus der Fläche und schleudern sie umher.