Die mosaikartig zusammengesetzten, farbigen Glasscheiben, verbunden durch ein Bleinetz, wirken perfekt und fast wie neu. Durch das hinter der Vitrine angebrachte Licht kommt die Leuchtkraft beeindruckend zu Geltung. Dabei hat das zerbrechliche Bild bereits einige Jahrhunderte auf dem Buckel. Gehört die „Geburt des Antichrist“ doch zu den 111 Einzelfeldern der drei mittelalterlichen Chorfenster, die einst die Frankfurter Marienkirche schmückten. Der Ausschnitt wurde, wie 14 weitere Felder der gläsernen Bilderbibel bereits von russischen Experten in der Eremitage von St. Petersburg restauriert.
Dort lagerten die aus dem 14. Jahrhundert stammenden Kunstwerke seit 1946. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden sie dann als Beutegut aus Deutschland verschleppt. Erst in diesem Sommer kehrten 106 Einzelteile der jeweils knapp zwölf Meter hohen Chorfenster aus ihrem unfreiwilligen Exil in die Frankfurter Marienkirche zurück. Die sechs fehlenden Fensterelemente sind nicht mehr auffindbar. „Wer weiß, bei wem die jetzt im Wohnzimmer hängen“, raunt ein Frankfurter seinem Nachbarn zu.
In 22 Kisten verpackt kehrte der Schatz von St. Marien heim. Experten sprachen von einem hohen Restaurierungsbedarf, zwei Jahre sowie 360 000 Euro wurden dafür veranschlagt. Nun konnten die Öffentlichkeit erstmals vier Fenster-Ausschnitte bewundern. Während der monatelangen Wartezeit sind bereits 46 000 Euro Spenden für die Restaurierung eingegangen, Stiftungen haben weitere Mittel bereitgestellt. Wohl selten in den vergangenen Jahren hatte eine Ausstellung an der Oder so eine Anziehungskraft wie die aktuelle Fensterschau. Die Menschen drängen sich unentwegt um die vier Vitrinen und sechs Schautafeln. Jeder möchte einen Blick erhaschen, ein wissenswertes Detail aufschnappen – um mitreden zu können.

Risse und Brüche durch die Scheiben
Bei näherem Betrachten merkt auch Holger Meinel: Unbeschadet hat selbst der „geborene Antichrist“ die jahrzehntelange Odyssee nicht überstanden. Irreparable Risse und Brüche durchziehen die bunten Scheiben, auf denen der gehörnte Teufel grinsend nach einem Säugling greift. Noch deutlicher werden die Schäden auf den beiden Ausstellungsstücken „Kains Brudermord“ und „Mannalese“. Diese Ausschnitte, so erfährt der Besucher, befinden sich noch im Originalzustand: Wo Bruchstücke fehlen, strahlt das Licht grell hindurch. Ebenso an jenen Stellen, an denen sich das Glas aus seiner Bleiumrahmung gelöst hat. Für das Laienauge nicht sofort erkennbar aber vorhanden sind auch Korrosionsverkrustungen.

Original-Dokumente erhalten?
„Ich hätte nicht gedacht, dass die Fenster derart gelitten haben“, meint Gritt Wittenburg. Die junge Frau aus Frankfurt ärgert sich sichtlich über die beim Transport und der jahrzehntelangen Kistenlagerung entstandenen Zerstörungen an den Kunstwerken. Skepsis, ob das Restauratorenteam die Kunstwerke wieder hinbekommt äußern viele Besucher vor allem beim Anblick des vierten Fenster-Exemplars. Der „Feuerzauber des Antichrist“ ist nur noch in Fragmenten erhalten, hier ein paar farbige Scherben, dort einige Bleireste. Das Motiv selbst kann man nur noch erahnen. Das Bild ist das große Sorgenkind der Experten, die im Frühjahr 2003 mit der Restaurierung beginnen wollen. Noch ist nicht klar, ob die fehlenden Scheiben ersetzt oder das Fragment als Dokument für die Geschichte der Marienkirchfenster im jetzigen Zustand erhalten werden soll.