Die friedliche Revolution im Herbst 1989 wäre undenkbar ohne das Friedensgebet in der Nikolaikirche: Montag für Montag versammelten sich die Menschen zum Gebet für Frieden und Freiheit. Bis zu 6000 Menschen strömten aus der gesamten DDR zu den Andachten und trotzten der Staatsmacht. "Wir sind das Volk" hallte es am 9. Oktober 1989 im Anschluss durch die Straßen Leipzigs. Damit war der Anfang der politische Wende besiegelt - und die Friedensgebete erreichten Weltruhm. Noch immer bringen sie mitunter Zehntausende Menschen zusammen - im Kampf für den Frieden, um soziale Gerechtigkeit oder im Gebet für Irak-Geiseln.

Kerzen als Symbole
"Es ist ein unglaublicher Segen, den Gott diesem kleinen Senfkorn Friedensgebet hat zukommen lassen", sagt der Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer. Am Montag wird der Mann zurückblicken auf die bewegte Geschichte, die er von Anfang an begleitete.
"Das Größte war natürlich die friedliche Revolution 1989", sagt der 64-Jährige. "Als wir aus der Kirche kamen, warteten Zehntausende auf dem Platz. Sie hatten eine Kerze in der Hand", erinnert er sich. "Aus diesen harmlosen Kerzen wurden machtvolle Symbole des Aufbegehrens, die den Staat in Alarmstimmung versetzten", beschreibt Wolfgang Tiefensee (SPD), einst Bürgerrechtler in Leipzig und heute Bundesverkehrsminister.
"Die Friedensandachten prägten die Protestkultur, die Hunderttausende von Menschen zu friedlichen Montagsdemonstrationen zusammenführte und das Ende der DDR einläutete", teilte der frühere Bürgerrechtler und heutige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) mit. "Das System brach nicht von selbst zusammen!"

Beten für Irak-Geiseln
Hervorgegangen sind die Gebete aus der Friedensdekade, die 1980 als gemeinsame Protestaktion der Evangelischen Jugendpfarrämter in Ost und West entstand und in der Nikolaikirche dauerhaft eingerichtet wurde. "1982 ist die Junge-Gemeinde-Gruppe an den Kirchenvorstand herangetreten und regte wöchentliche Gebete an", schildert Pfarrer Führer. Die kirchliche Basisgruppe "AG Friedensdienst" gestaltet schließlich am 20. September 1982 das erste Friedensgebet.
Für die Gestaltung und Organisation war Christoph Wonneberger zuständig. Der 1985 nach Leipzig gezogene evangelische Pfarrer initiierte bereits 1982 in Dresden erste Friedensgebete. "Es war eine Idee, um sich ausdrücken zu können, ohne straffällig zu werden", beschreibt es der heute 63-Jährige. Die Gruppen waren zunächst klein. Es ahnte wohl niemand, dass die Friedensgebete tatsächlich das Ende der DDR einläuten würden.
Der Protest für den Frieden hat auch nach der Wende noch Menschenmassen mobilisiert. So beteiligten sich während des Irak-Kriegs 2003 mehr als 300 000 Menschen nach dem Gebet an den Demonstrationen. Im vergangenen Jahr wurde die Nikolaikirche Ort der Hoffnung für die Firma Cryotec aus Bennewitz, deren Mitarbeiter um die im Irak verschleppten Kollegen René Bräunlich (33) und Thomas Nitzschke (30) bangten. "Die Momente der Ruhe und Besinnung dort haben uns Kraft und Mut gegeben", sagt Prokuristin Karin Berndt.
"Und so wird das immer weitergehen", meint Pfarrer Führer. Der Kirchenvorstand werde darauf achten, dass die Tradition fortgesetzt wird. Und Tiefensee ergänzt: "Es gab und es gibt immer wieder gute Gründe, sich für Frieden aktiv einzusetzen und dafür zu beten." 25 Jahre Friedensgebete seien ein guter Anlass, sich bewusst zu machen, dass Unmögliches möglich ist.