Laut einer Studie gibt es an den Berufsschulen Reformbedarf. Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) stellt Ideen vor. Michael Seifert, Vize-Chef des Lehrerverbands Beruflicher Schulen in Brandenburg und Leiter des OSZ Cottbus, reagiert darauf im RUNDSCHAU-Interview.

Herr Seifert, die Ministerin sucht jetzt einen neuen Namen für die Oberstufenzentren. Hätten Sie einen Vorschlag?

Michael Seifert Ich denke, wichtiger als ein neuer Name ist eine inhaltliche Kurskorrektur.

Dazu kommen wir gleich. Im Sechs-Punkte-Papier der Ministerin steht die Namenssuche an erster Stelle. Die Schulen sollen „sichtbarer“ werden. Keine gute Idee?

Michael Seifert Doch, die öffentliche Wahrnehmung kann besser werden. Die Oberstufenzentren haben viele Schulformen unter einem Dach. Sie sind regionale Leuchttürme, die Verbindung zwischen Schule, Wirtschaft und Universität. Wir sorgen für Fachkräfte.

Wie trägt man das ins Land, vor allem zur Jugend?

Michael Seifert Ich erinnere an das Lied zu DDR-Zeiten „Wer will fleißige Handwerker sehen“. Das war gut, damit wurde Kindern erstes Wissen über Berufe vermittelt. Die Orientierung sollte früh beginnen, eigentlich schon in der Kita, auf jeden Fall muss in der Schule mehr passieren. Auch damit Kinder erkennen, wofür sie lernen. Die Oberstufenzentren sind bei Schul-Elternabenden präsent. Aber wir können diese Arbeit nicht allein machen.

Die Jugend verändert sich, der Arbeitsmarkt auch. Wird genug um Nachwuchs geworben?

Michael Seifert Bei der Öffentlichkeitsarbeit gibt es sicher Reserven. Aber für eine tagesaktuelle Präsenz etwa in sozialen Netzwerken wie Facebook haben Oberstufenzentren nicht die personellen Ressourcen.

Was müsste getan werden, um Jugendliche, die am liebsten gar keine Ausbildung wollen, für eine Lehre zu gewinnen?

Michael Seifert Das ist ganz schwierig. Es gibt bei einigen eine Null-Bock-Stimmung. Ich glaube, da müsste man meist zuerst an die jeweiligen Eltern ran, ihnen Erfolgserlebnisse im Job verschaffen, damit sie dann ihren Nachwuchs motivieren können.

Welche inhaltlichen Kurskorrekturen wünschen Sie sich?

Michael Seifert Wir brauchen qualifizierten Lehrer-Nachwuchs, und zwar schnell. In den kommenden Jahren gehen viele Kollegen in Rente. Brandenburg braucht endlich eine eigene Berufsschullehrer-Ausbildung. Die könnte man an die Unis in Potsdam oder auch in Cottbus andocken, wo es mit den Ingenieur-Studiengängen gute Schnittmengen gibt. Das ist eine Frage des politischen Willens.

Es gibt recht viele Ingenieure, die als Seiteneinsteiger an die Berufsschulen kommen. Reicht es nicht, diesen Kollegen dann das pädagogische Rüstzeug zu geben?

Michael Seifert Nein, das kann nur eine Erste-Hilfe-Maßnahme sein. Wir brauchen eine grundständige Berufsschullehrer-Ausbildung. Und die müssen wir jetzt auf den Weg bringen, denn es dauert sechs Jahre, bis die ersten Absolventen da sind.

Im Papier der Ministerin steht dazu nichts, auch von einem Institut für berufliche Bildung hält sie wenig.

Michael Seifert In Hamburg und Schleswig-Holstein gibt es damit gute Erfahrungen. Ziel ist, alle Jugendlichen zu erreichen und die Lehrer schnell und gut zu verteilen. Eine solche Vernetzungsstelle brauchen wir auch.

Ein großes Thema sind Bürokratie und andere sachfremde Arbeiten. Lehrer müssen etwa die EDV warten. Ein flächendeckendes Problem?

Michael Seifert In manchen Landkreisen klappt es gut und der Schulträger kommt seinen Aufgaben nach, in anderen ist es nicht so. Dort müssen die Lehrer dann sogar den Schraubenzieher in die Hand nehmen. Das darf nicht sein, dafür ist eine Lehrerstunde zu teuer.

Ein Stichwort in der Studie war die Rückkehr der Berufsausbildung mit Abitur. Eine gute Idee?

Michael Seifert Ja, man sollte die Idee weiterverfolgen. Aber überall wird das nicht gehen. Insbesondere für kleinere Betriebe dürfte es schwierig werden. Ein Lehrling kostet Geld, da rufen die Firmen nicht unbedingt hurra, wenn sie ihn für den Abitur-Lehrgang freistellen sollen.

Mit Michael Seifert sprach
Mathias Hausding