Das deutsche System der dualen Berufsausbildung, das gelungene Zusammenspiel von Job und Schule, wird in Festtagsreden gerne als vorbildlich gepriesen. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag ist sogar die Rede davon, dass es "für unser Land ein internationaler Wettbewerbsvorteil" ist. Doch das viel gepriesene Erfolgsmodell hat in den vergangenen Jahre Risse bekommen. Die Lehrstellensituation ist sehr stark angespannt. Und viele Arbeitgeber beklagen einen hohen Anteil nicht ausbildungsfähiger junger Menschen. Viele Jugendliche steigen zudem vorzeitig aus der Ausbildung aus oder sie fallen am Ende ihrer in der Regel dreijährigen Lehrzeit durch die Abschlussprüfungen. Die Durchfallquote ist hoch. Besonders erschreckend ist die Ausbildungssituation inzwischen bei ausländischen Jugendlichen. Vor diesem Hintergrund arbeiten Experten im Bundesbildungsministerium deshalb an einer grundsätzlichen Reform der dualen Berufsausbildung.

Teilqualifikation mit Prüfung
Kern von Schavans Überlegungen: Zum einen soll die bisher in sich geschlossene dreijährige Berufsausbildung künftig in Etappen gegliedert und in fünf oder sechs Bausteine genannte Teile gesplittet werden. Steigt einer aus der Lehre aus oder schafft die große Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung nicht, gibt es für jeden der Ausbildungsbausteine die Chance einer Prüfung mit Teilqualifikationsnachweis.
Zum anderen soll es neben dem herkömmlichen dualen Lehrverhältnis künftig die Möglichkeit geben, diese genau definierten Bausteine an bestimmten außerbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen erfolgreich und mit Abschlussprüfung zu absolvieren. Das soll all jenen, so das Kalkül der Ministerin, die bislang bei der Lehrstellensuche erfolglos waren, den Einstieg in einen regulären Ausbildungsvertrag deutlich erleichtern. Staatliche Förderprogramme und das duale Ausbildungssystem wären endlich besser verknüpft. Ein zuvor erfolgreich abgelegter Baustein würde bei der regulären Ausbildung angerechnet, die Lehre könnte dann zum Beispiel entsprechend verkürzt werden.

Erste Versuche schon 2007
Bis Mitte Januar 2007, so hieß es gestern in Berlin, sollen die Arbeiten des "Innovationskreises" für einen Modellvorschlag weitgehend abgeschlossen sein. Schavan drückt aufs Tempo. Wenn alles planmäßig läuft, sollen bereits im kommenden Jahr Jugendliche in ersten Modellversuchen nach diesem neuen Baustein-Verfahren ausgebildet werden, sagte eine Sprecherin des Bildungsministeriums gegenüber der RUNDSCHAU.
Die Gewerkschaften sehen die Pläne der Bildungsministerin kritisch. Sie befürchten, dass durch die Baustein-Methode das Ausbildungsniveau insgesamt sinken und die international geschätzte deutsche Facharbeiter-Ausbildung auf "Anlernniveau" schrumpfen könnte. Die Arbeitgeber bewerten Schavans Reformpläne dagegen positiv. Sie gehen der Wirtschaft jedoch nicht weit genug. In einem Papier der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) werden Bausteine für alle Ausbildungssparten gefordert. Außerdem wird vorgeschlagen, die "Erstausbildung" generell auf zwei Jahre zu verkürzen. Daran könnten sich dann weitere Qualifizierungs-Bausteine nach dem Motto vom lebenslangen Lernen "direkt oder im weiteren Berufsleben" anschließen.