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Berliner fürchten Lausitzer Sulfat im Trinkwasser

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Cottbus. Anders als das braune Eisenocker ist Sulfat in der Spree nicht zu sehen. Für die Trinkwasseraufbereitung kann die Schwefelverbindung aus dem Braunkohlebergbau jedoch problematisch werden. Simone Wendler / sim

"Wir sind nicht in Panik, aber wir schauen sehr aufmerksam auf den Spreezufluss am Müggelsee", sagt Stefan Natz. Er ist Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe. Die betreiben am Müggelsee im Süden von Berlin eines ihrer größten Wasserwerke. Und das Trinkwasser wird dort überwiegend aus einem Uferfiltrat der Spree gewonnen.

Und in der Spree wurden dort im vergangenen Jahr mehrfach Werte von 300 Milligramm Sulfat und mehr pro Liter gemessen. Der Boden als natürlicher Filter hält die Substanz kaum zurück. Für Trinkwasser gilt jedoch eine Grenze von 250 Milligramm. Durch Mischung mit natürlichem Grundwasser lieferte das Werk am Müggelsee trotzdem noch Wasser mit 180 Milligramm Sulfat pro Liter in das Leitungsnetz.

Aber die Sorge wächst, dass der Puffer bis zu 250 Milligramm pro Liter schmilzt. "Wir wissen nicht, ob die erhöhten Werte von 2014 nur ein Verdünnungsproblem waren, weil das Jahr sehr trocken war", sagt der Sprecher der Berliner Wasserwerke.

Ingolf Arnold, Chefgeotechniker und Wasserexperte des Lausitzer Bergbaubetreibers Vattenfall, ist jedoch davon überzeugt, dass es so war. Denn im vorigen Jahr habe die Spree nur etwa halb so viel Wasser geführt, wie in den niederschlagsreichen Vorjahren: "Da fehlt dann einfach der Verdünnungseffekt."

Zusätzlich sei die Situation noch durch die Sanierung der Talsperre Spremberg verschärft worden. Dafür musste das Wasser an der Staumauer abgesenkt werden, die Sulfatkonzentration im Speicherbecken wuchs an. Wie eine Welle habe sich das dann in Richtung Berlin bewegt.

Sulfat kommt in der Natur vor, wird aber durch den Lausitzer Braunkohlebergbau in größeren Mengen in die Spree gespült. Es entsteht, ähnlich wie das braune Eisenocker durch Verwitterungsprozesse in Kippenböden. Durch den Wiederanstieg des Grundwassers in der Region wird es aus Altkippen ausgewaschen und tritt aus den Tagebauseen aus.

Es gelangt aber auch mit dem gereinigten Grubenwasser aus aktiven Tagebauen in größeren Mengen in die Spree. Die größten Sulfatlieferanten seien dabei die sächsischen Tagebaue Nochten und Reichwalde, so Vattenfall-Geotechniker Arnold: "Das hat etwas mit den geologischen Verhältnissen im Boden zu tun."

Die Gesamtmenge Sulfat, die aus den aktiven Tagebauen in die Spree gelangt, sei aber relativ konstant. Das Sulfat in der Spree hinter Lübben stamme derzeit etwa zur Hälfte aus dem aktiven Bergbau. Die andere Hälfte des Salzes komme aus Altkippen in Verantwortung der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft mbH (LMBV).

Sulfat aus großen Wassermengen abzutrennen, so Arnold, sei extrem schwierig. "Weltweit gibt es im Bergbau bis heute keine wirtschaftlich praktikable Lösung dafür", so der Fachmann. Seit zehn Jahren habe Vattenfall zusammen mit der LMBV in gemeinsamen Projekten dazu eigene Untersuchungen angestellt und dafür etwa eine Million Euro ausgegeben.

Es bleibe deshalb nur die Möglichkeit, so Arnold, das Sulfat über die Spree in Richtung Ostsee zu schicken und dabei mit den Wasserbehörden abgesprochene Grenzen nicht zu überschreiten. Dazu müsse das belastete Wasser geschickt verteilt werden.

Gesetzlich festgelegte Grenzwerte für die Belastung von Oberflächengewässern mit dem Salz gebe es nicht, so der Wasserfachmann. Seit Jahren hätten Brandenburg, Berlin, Vattenfall und der LMBV jedoch eine enge Abstimmung dazu vereinbart.

Eine der dabei beschlossenen Maßnahmen zur Sulfatregulierung war der Bau einer kürzlich in Betrieb gegangenen 15 Millionen Euro teuren Grubenwasser-Reinigungsanlage am Nordrand des Tagebaus Welzow-Süd. Von dort werde sulfathaltiges Wasser über kleine Zuflüsse in Richtung Spreewald geschickt. "Dadurch wird es auf dem Weg zur Spree verdünnt", erklärt Arnold.

Die Umweltorganisation BUND hatte in der Nähe der Grubenwasserreinigung noch vor deren offizieller Inbetriebnahme in selbst entnommenen Proben einen Sulfatgehalt von mehr als 900 Milligramm pro Liter gemessen und Vattenfall deshalb die Gefährdung der Trinkwasserversorgung vorgeworfen.

Noch in diesem Jahr will das Bergbauunternehmen, so Ingolf Arnold, einen Teil des Grubenwassers aus dem Tagebau Nochten in die Neiße umleiten. Die Neiße führe dreimal so viel Wasser wie die Spree und könne das Sulfat dadurch schnell verdünnen. Doch auch diese Möglichkeit, die Spree vom Sulfat zu entlasten, sei begrenzt: "Wenn wir zu viel Wasser in die Neiße leiten, fehlt es in der Spree."

Die Neiße-Einleitung werde, so der Vattenfall-Fachmann, eine spürbare Entlastung der Spree bringen. Doch diese werde sofort wieder "aufgefressen" von einem steigenden Sulfateintrag aus den LMBV-Bereichen, gegen die es keine wirksamen Maßnahmen gebe.

In den nächsten Jahren, so prophezeit Ingolf Arnold, werde diese Sulfatbelastung aus den LMBV-Gebieten noch anhalten. Und auch ein, wie von manchen geforderter, schneller Ausstieg aus dem aktiven Bergbau würde keine Besserung bringen, im Gegenteil.

"Die Kippenböden bleiben, aber es fehlt dann an den Wassermengen, die jetzt durch die Tagebaue gehoben und in die Spree geleitet werden", sagt Arnold. Für viele Jahre müsste ohnehin noch Wasser abgepumpt werden, um in einer stillgelegten Grube die Böschungen standsicher zu machen. Und das dann gehobene Wasser sei eher sulfathaltiger als während der Kohleförderung. Auch das sei ein Grund dafür, dass der Lausitzer Braunkohlebergbau keinen "Bruch" vertrage.

Um ihre Trinkwasserversorgung müssten sich die Berliner aus Sicht des Vattenfall-Chefgeotechnikers trotzdem in den kommenden Jahren nicht all zu viel Sorgen machen. Die Berliner Wasserbetriebe hätten schon eine Studie vorgelegt, wie die Versorgung bis 2040 gesichert werden kann: "Die Stadt hat noch einige Möglichkeiten, Wasser aus verschiedenen Quellen zu mischen."

Zum Thema:
Sulfat ist in kleineren Mengen nicht giftig. Handelsübliches Mineralwasser enthält bis zu 1200 Milligramm pro Liter. Es hat in größeren Mengen eine leicht abführende Wirkung. Für Trinkwasser wurde eine Grenze von 250 Milligramm pro Liter festgelegt. Werte bis 500 Milligramm pro Liter gelten in Ausnahmefällen als "duldbar". Sulfat steigert die Korrosion von Wasserrohren und Beton. sim