Gerade 52,6 Prozent der knapp 330 Delegierten eines Landesparteitages am Samstag wünschten sich diesen Neuanfang mit Joachim Zeller, Bezirksbürgermeister von Mitte. Er ist der erste Ostdeutsche an der Spitze der Berliner CDU. Die andere Hälfte der Delegierten hätte jedoch lieber den früheren Finanzsenator Peter Kurth als neuen CDU-Chef gehabt.
Wenig später lassen diejenigen, die Zeller nicht gewählt haben, den von ihm vorgeschlagenen Generalsekretär Kai Wegner zweimal durchfallen, nach hektischen Beratungen und Unterbrechungen des aus dem Ruder geratenen Parteitags. Erst im dritten Anlauf schafft es Zeller mit seinem neuen Vorschlag Gerhard Lawrentz. Die Regie erscheint nach außen als ein politisches Desaster zum so genannten Neustart.
Die knappen Wahlergebnisse zeigen, wie tief der Graben nach wie vor durch die Hauptstadt-CDU ist. "Dies ist kein Ergebnis, das Anlass zum Jubeln gibt und trägt nicht zu einer neuen Geschlossenheit der Partei bei", dämpft ein sichtlich getroffener Zeller vereinzelte Jubelrufe aus den Delegiertenreihen.
Auch nach der Wahl Zellers stehen sich die beiden Lager in der Berliner CDU unversöhnlich gegenüber. Die Scheidelinie trennt Anhänger und Gegner des vor einer Woche zurückgetretenen Fraktionschefs Frank Steffel, der nach wie vor die Mehrheiten in Fraktion und Partei organisieren kann. Mit der Wahl Zellers setzte sich innerhalb von acht Tagen zum zweiten Mal das Steffel-Lager durch. Verlierer auf der ganzen Linie ist Kurth. Auch bei der Entscheidung über den Fraktionsvorsitz unterlag er hauchdünn dem Steffel-Kandidaten Nicolas Zimmer.
Die Verbitterung über diese in den eigenen Reihen so genannte Hinterzimmer-Politik sitzt tief bei vielen Delegierten. Selten war ein Parteitag der Berliner CDU von so kontroversen und emotional gefärbten Debatten geprägt wie dieser. Redner pro und contra die beiden Kandidaten mussten sich über wütende und höhnische Zwischenrufe und Pfiffe hinwegsetzen.
"Das Ergebnis ist traurig, hier wurde wieder eine Chance vergeben", sagt auch die bisherige Vize-Landesvorsitzende Monika Grütters. Und zwar in doppelter Hinsicht: Die gespaltene Partei zu einen, werde jetzt viel schwieriger. Und Kurth wäre ein ausgezeichneter Sympathieträger gewesen, das verlorene Vertrauen der Wähler für die CDU zurückzugewinnen. Heiner Kausch, Delegierter aus Mitte, blickt düster in die Zukunft: Ob die bei beiden Wahlen in der CDU unterlegenen Mitglieder die Motivation aufbringen, sich jetzt noch in der Partei zu engagieren, sei noch sehr ungewiss.
Lust zur Mitarbeit hat der zweimal gescheiterte Kurth nicht. Nachdem die CDU beide Angebote von ihm, in vorderster Front für sie zu wirken, ausgeschlagen hat, werde er "jetzt die Gewichtung auf den beruflichen Weg legen". Zum Glück für den 43-Jährigen hat ihn sein Arbeitgeber - das Recyclingunternehmen Alba - bis zur Entscheidung über den CDU-Vorsitz von seinem Vorstandposten nur beurlaubt.