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| 02:38 Uhr

Berliner Blick und Lausitzer Kohlewirklichkeit

Die Kirche von Schleife in Ostsachsen. Zur Veranstaltung der Berliner taz zum Thema "Kampf um die Kohle" waren auch Besucher aus dem Brandenburger Teil des Reviers gekommen.
Die Kirche von Schleife in Ostsachsen. Zur Veranstaltung der Berliner taz zum Thema "Kampf um die Kohle" waren auch Besucher aus dem Brandenburger Teil des Reviers gekommen. FOTO: Wendler
Schleife. Im Rahmen einer Deutschlandtour machte die "Tageszeitung" aus Berlin auch in der Lausitz Station. In der Kirche von Schleife sollten Protagonisten ins Gespräch gebracht werden, die über die Kohlezukunft streiten. Simone Wendler

Eine Art großer Stuhlkreis steht am Dienstagabend vor dem Altar der Schleifer Kirche, passend zum Anliegen der Veranstalter. Denn es ginge darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und um Versöhnung nach den Ereignissen des Pfingstwochenendes, kündigt taz-Redakteur und Moderator Martin Kaul zu Beginn an.

Am Pfingswochenende hatten sich Hunderte Anhänger der Bewegung "Ende Gelände" aus dem Klimacamp bei Welzow heraus in den Tagebau Welzow-Süd begeben, Förderbrücke und Kohleverladung besetzt. Sie blockierten an mehreren Stellen die Gleise des Kohletransports im Revier und erstürmten teilweise das Gelände des bereits stark gedrosselten Kraftwerkes Schwarze Pumpe, um es völlig zum Stillstand zu bringen.

Ein Video, in dem die Kohle-Besetzer vom Pfingstwochenende sich feiern und ein Film der Bergbaugewerkschaft IG BCE mit einem Song des Rappers Crease für das Lausitzer Revier sollen einstimmen auf den "Kampf um die Kohle", das Motto des Abends. "Was ist hier das Problem?" fragt Moderator Kaul dann als Ersten Rüdiger Siebers, Betriebsratschef der Lausitzer Braunkohlentagebaue.

Nach Siebers' Antwort hätte der Abend dann eigentlich schon zu Ende gehen können, denn er stellt fest: "Es gibt hier keinen Kampf, das wird nur von außen so gesehen." Was es schon lange gebe, sei jedoch eine Diskussion mit vielen Abwägungen. Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) unterstützt ihn: "Dialog ist unser tägliches Geschäft." Der Begriff Kampf komme ihr da nicht in den Sinn.

Jana Bosse, eine der jungen Ende-Gelände-Aktivistinnen des Pfingstwochenendes, die im Speckgürtel von Berlin lebt, hatte zuvor kurz und knapp festgestellt, dass Kohleabbau "nicht zukunftsfähig" sei. Es gebe eben immer wieder Berufe, die verschwinden. Für die Beschäftigten müsse es eine Perspektive geben, forderte sie, ohne dazu konkret zu werden.

Wie weit weg sie sich damit vom laufenden Diskussionsprozess in der Region um den Strukturwandel bewegt, machten Herntier und andere Lausitzer deutlich, die im Laufe von fast zwei Stunden vor rund einhundert Zuhörern aus der ganzen Region in der Kirche von Schleife an das Mikrofon treten.

Herntier und Torsten Pötsch, parteiloser Oberbürgermeister von Weißwasser, berichten von den Bemühungen der Lausitzrunde, der sie angehören, von Reisen in die Bundeshauptstadt und nach Brüssel, um Hilfe für die Region zu organisieren. Und Herntier weist auch den Vorwurf von Kohlegegnern wie Jana Bosse zurück, sie würden in den Auseinandersetzungen um die Kohle "nicht gehört".

"Sehen Sie sich doch die bundespolitischen Entscheidungen an", hält sie der jungen Frau vor. Und sie selbst, so Herntier, wisse genau, wie schnell etwas ersatzlos kaputtgemacht werden kann. Sie käme aus der Textilindustrie. Die ist innerhalb weniger Jahre komplett aus der Lausitz verschwunden.

Wie sehr in der Region seit Jahren bereits strittig, aber friedlich um die Kohle diskutiert wird, macht an diesem Abend auch Jörg Funda deutlich. Er ist stellvertretender Bürgermeister von Schleife. 1700 Einwohner der Gemeinde sollen dem geplanten Erweiterungsfeld des Tagebaus Nochten weichen. "Wir haben uns in einem langen, demokratischen Prozess damit auseinandergesetzt", so Funda. Als persönlich Betroffenen habe ihn die Frage, weichen oder sich widersetzen, auch innerlich zerrissen.

Trotz gespaltener Meinungen im Ort zu diesem Konflikt gingen alle noch vernünftig miteinander um. Bitter sei dann, wenn Entscheidungen von außen das unter großen Mühen Ausgehandelte obsolet machten. Funda meint damit den seit zweieinhalb Jahren durch den Verkauf der Lausitzer Braunkohle auf Eis liegenden Umsiedlungsvertrag der Gemeinde. Klimaaktivistin Jana Bosse gibt er noch mit auf den Weg: "Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie nur sagen, die Arbeitsplätze fallen eben weg."

Nachdenklichkeit hat der Abend in der Kirche offenbar bei den Veranstaltern erzeugt. "Wir haben heute hier gelernt, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, und der Dialog hat schon angefangen", sagt taz-Journalist Jan Feddersen zum Schluss: "Wir fahren heute Abend grüblerisch nach Berlin zurück."