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Amri
Weihnachtsmarkt-Attentäter stärker überwacht als bekannt

Das Tatfahrzeug, ein polnischer Lastwagen, steht am 20.12.2016 am Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Im Dezember 2016 richtete Anis Amri auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ein Blutbad an.
Das Tatfahrzeug, ein polnischer Lastwagen, steht am 20.12.2016 am Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Im Dezember 2016 richtete Anis Amri auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ein Blutbad an. FOTO: Michael Kappeler / dpa
Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, der Tunesier Anis Amri, nutzte rund ein Dutzend Alias-Namen hierzulande. Seit Anfang 2016 war er nahezu wöchentlich Thema bei deutschen Sicherheitsbehörden, wurde als Gefährder eingestuft und observiert. Wie intensiv, belegen nun zahlreiche Akten und Dokumente.

Polizei und Geheimdienste haben den Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, nach Recherchen der „Welt am Sonntag“ viel früher und intensiver überwacht als bislang bekannt. Dies gehe aus Tausenden Akten, Dutzenden V-Mann-Berichten und den Protokollen von Telefon- und Internetüberwachungen hervor, die dem Blatt nach eigenen Angaben vorliegen.

Spätestens seit November 2015 ließ die Bundesanwaltschaft demnach den Tunesier vom Bundeskriminalamt (BKA) und vom Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen durch einen V-Mann der Polizei, der sich „Murat“ nannte und als „VP01“ in den Akten auftaucht, gezielt überwachen. Dies sei Teil der verdeckten Ermittlungen gegen die mutmaßliche IS-Terrorzelle des Hildesheimer Hasspredigers Abdullah Abdullah gewesen, der unter seinem Decknamen „Abu Walaa“ bekannt ist.

Am 19. Dezember 2016 war Amri mit einem Laster in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast. Bei dem bislang schwersten islamistischen Anschlag hierzulande waren zwölf Menschen getötet und annähernd 100 Menschen verletzt worden. Amri wurde später auf der Flucht von italienischen Polizisten erschossen.

Bereits am 14. Dezember 2015 lud Amri laut „WamS“ mit seinem rund um die Uhr überwachten Smartphone detaillierte Anleitungen zum Mischen von Sprengstoff sowie zum Bau von Bomben und Handgranaten herunter. Spätestens vom 2. Februar 2016 an telefonierte Amri demnach auf diesem abgehörten Handy mit zwei IS-Kadern in Libyen und bot sich als Selbstmordattentäter für einen Anschlag in Deutschland an.

Das Blatt berichtet außerdem über Behörden-Mails und Akten, die eine starke Beteiligung deutscher Nachrichtendienste belegen. So habe der Verfassungsschutz bereits im Januar 2016 eine zweiseitige Analyse zu Amri verfasst, die von Behördenchef Hans-Georg Maaßen selbst unterschrieben wurde. Sein Bundesamt hatte laut „Wams“ für Amri sogar eine eigene Sachbearbeiterin eingesetzt, die Agentin F. in Berlin.

Die Recherchen sollen laut der Zeitung zudem belegen, dass Amri schon vor seiner Ankunft in Italien im April 2011 über enge persönliche und sogar familiäre Verbindungen zu Kämpfern und Führungskadern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Libyen verfügte.

Der Grund, warum Amri trotz all dieser Erkenntnisse nicht vor dem Anschlag verhaftet wurde, geht laut „WamS“ aus den ihr vorliegenden Akten nicht hervor. Allerdings legten die mehrmonatigen Recherchen eine Verwicklung auch internationaler Geheimdienste nahe. Diese dürften in Amri einen „Lockvogel“ gesehen haben, der sie zu seinen Hintermännern, den Anschlagsplanern in Libyen, führen sollte.

Weiter berichtet das Blatt, dass wenige Wochen nach dem Anschlag und Amris Tod B2-Tarnkappenbomber der USA am 19. Januar 2017 exakt jenes IS-Wüstencamp in Libyen angegriffen hätten, in dem die Hintermänner des Attentats vom Weihnachtsmarkt vermutet wurden.

Hans-Christian Ströbele, damals Mitglied des Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, vermutet deshalb die „ordnende Hand“ eines US-Geheimdienstes oder des US-Militärs hinter der „ansonsten unerklärlichen“ Nicht-Festnahme Amris, wie er sagte.

(dpa/bob)