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| 17:24 Uhr

Bis heute ungeklärt
Vor 25 Jahren verschwindet der Zwölfjährige Manuel aus Berlin

Das leicht unscharfe Foto zeigt den vermissten Berliner Jungen Manuel Schadwald, der als 12-jähriger im Juli 1993 verschwand (undatiertes Archivbild). In Berlin sind im ersten Halbjahr 2018 etwa 5500 Fälle vermisster Menschen gemeldet worden.
Das leicht unscharfe Foto zeigt den vermissten Berliner Jungen Manuel Schadwald, der als 12-jähriger im Juli 1993 verschwand (undatiertes Archivbild). In Berlin sind im ersten Halbjahr 2018 etwa 5500 Fälle vermisster Menschen gemeldet worden. FOTO: dpa / -
Berlin. Schlimmer kann es für Eltern und andere Verwandte wohl kaum kommen. Ein Kind verschwindet. Und wird nie gefunden, weder lebend noch tot. Was bleibt, ist Ungewissheit.

Zwölf Jahre alt ist Manuel Schadwald aus Berlin-Tempelhof am 24. Juli 1993. Von zu Hause aus macht er sich an dem Samstag auf den Weg ins Freizeitzentrum FEZ, rund zehn Kilometer entfernt gelegen im Stadtteil Köpenick. Der Junge nimmt vermutlich öffentliche Verkehrsmittel. Genau weiß man es nicht. Denn im FEZ kommt er nicht an. Und auch sonst wird der hübsche Junge mit den etwas längeren dunklen Haaren nie wieder gesehen.

Seit 25 Jahren ist Manuel Schadwald verschwunden. Besonders anfangs sucht die Polizei intensiv nach ihm. Weil er gerne in Kaufhäusern und im FEZ an Computern spielte, befragt sie Verkäufer und Betreuer. Beschreibungen des Jungen, der zuletzt Jeans, T-Shirt und einen türkisfarbenen Rucksack mit der Aufschrift «Miami Vice» trug, werden veröffentlicht. Zeitungen und das Fernsehen zeigen sein Foto. Die Polizei durchkämmt mit Spürhunden das Waldgebiet Wuhlheide an dem Freizeitzentrum FEZ - erfolglos.

Hinweise, die bei der Polizei eingehen, führen nicht zu einem Erfolg. Dass der Junge sich nur verlaufen hat oder verunglückt ist und bis heute nicht gefunden wurde, glaubt eigentlich niemand. Die Polizei führte anfangs nur einen Vermisstenfall. Heute verweist sie auf die Staatsanwaltschaft Berlin. Dort sagt ein Sprecher: „Ein Ermittlungsverfahren wird geführt wegen Verdachts auf ein Tötungsdelikt.“ Das Verfahren laufe aber schon lange. „Es gibt keine neuen Erkenntnisse.“

Mit Meldungen zu vermissten Menschen ist die Polizei tausendfach befasst. In Berlin wurden im ersten Halbjahr 2018 etwa 5500 Vermisstenfälle gemeldet: 2666 Erwachsene, 2142 Jugendliche und 683 Kinder. Auf ein Jahr gerechnet sind das etwa 11 000 Vermisstenfälle. Etwa 98 Prozent davon tauchen schnell wieder auf. Trotzdem gelten laut der Berliner Polizei „Dutzende Personen als langzeitvermisst“.

Das Bundeskriminalamt BKA schreibt über ganz Deutschland: „Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent.“ Das heißt aber auch, dass pro Jahr zahlreiche Menschen, darunter auch Kinder, komplett verschwinden.

In der BKA-Datei „Vermisste/Unbekannte Tote“ sind deutschlandweit 1964 ungeklärte Fälle vermisster Kinder erfasst (Stand Februar 2018). Das bezieht sich auf die Jahre von 1951 bis heute. Mehr als die Hälfte der Kinder sind laut BKA Ausreißer, sogenannte Streuner und unbegleitete Flüchtlinge, die selbstständig unterwegs sind. „Bei dem verbleibenden Teil der vermissten Kinder ist zu befürchten, dass diese Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalls wurden, sich in einer Situation der Hilflosigkeit befinden oder nicht mehr am Leben sind“, schreibt das BKA. In knapp 70 Jahren könnten das also viele hundert Kinder sein.

Über Manuel Schadwald tauchten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Berichte auf, nach denen der Junge irgendwo gesehen worden sein soll.

Ein Jahr nach dem Verschwinden glauben drei niederländische Polizisten, die einen deutschen Kinderporno-Produzenten beschatten, Manuel bei dem Mann zu erkennen. Sie erreichen ihre Vorgesetzten nicht und unternehmen nichts. Der Vorfall wird im April 1998 durch einen Zeitungsbericht bekannt. Ein Staatsanwalt betont, es habe sich im Nachhinein gezeigt, dass der betreffende Junge doch nicht Manuel gewesen sei. Die niederländischen Justizministerin gibt zu, möglicherweise habe die Polizei Fehler gemacht.

Im Juli 1998 wird in den Niederlanden ein Kinderporno-Netz aufgedeckt. Dahinter stand eine Kinderschänder-Bande. Die Polizei findet auf Disketten Tausende Fotos, besonders von kleinen Kindern. Eine belgischen Bürgerinitiative behauptet, die Bande habe mindestens drei deutsche Jungen verschleppt, darunter Manuel Schadwald.

Ein deutscher Staatsanwalt vernimmt den 24 Jahre alten Hauptverdächtigen. Er findet keine Hinweise auf das Schicksal des Jungen. Auch die niederländische Polizei entdeckt keine Spur. Die meisten Polizisten halten die Behauptungen der Bürgerinitiative für Vermutungen und Spekulationen. Filme, Fotos und Aussagen werden überprüft. Abgebildet sind der Polizei zufolge immer andere Jungen. 2003 wird einer der leitenden Polizisten in der Sache zitiert: „Alle Informationen, die es in diese Richtung gegeben hat, haben sich als unseriös oder unrichtig herausgestellt.“

Im Juli 2015 schreiben Zeitungen erneut über vermeintliche Hinweise, nach denen Manuel Mitte der 90er Jahre nach Rotterdam und Amsterdam gebracht worden, dann auf einer Segeljacht sexuell missbraucht worden und dabei ums Leben gekommen sei. Mieter des Bootes soll ein Kinderporno-Händler gewesen sein, der mit dem Netzwerk von 1998 in Verbindung stand. Auch hier ergeben sich keine weiteren Erkenntnisse.

Das gilt auch für die Berlin Jugendlichen Sandra Wißmann und Georgine Krüger, die in den Jahren 2000 und 2006 verschwanden. Vermutlich wurden sie entführt, möglicherweise auch längst ermordet. Sandra Wißmann wurde wohl „Opfer eines Kapitalverbrechens“, es gebe auch «bei Georgine Krüger viele Hinweise, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist», heißt es bei der Polizei.

Das Bundeskriminalamt schreibt: „Falls eine Vermisstensache nicht aufgeklärt wird, bleibt die Personenfahndung bis zu 30 Jahre bestehen.“ Danach bleibt nur noch die Erinnerung.

(dpa)