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| 17:17 Uhr

BGH entscheidet
Sind Raser Mörder?

Blick auf die gesperrte Tauentzienstraße am 1. Februar 2016. Bei einem illegalen Autorennen war hier ein Mann überfahren worden.
Blick auf die gesperrte Tauentzienstraße am 1. Februar 2016. Bei einem illegalen Autorennen war hier ein Mann überfahren worden. FOTO: Britta Pedersen / dpa
Karlsruhe. Zwei Autofahrer liefern sich ein Rennen in Berlin. Dabei stirbt ein Unschuldiger. Sind die Raser Mörder? Das muss jetzt der Bundesgerichtshof entscheiden. Von Tobias Roth

Ganz egal wie die Sache am Ende ausgeht, für Maximilian Warshitzky wird sich nichts ändern. Sein Vater ist tot. Er starb auf einer Kreuzung in Berlin in seinem Auto, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ein Zufallsopfer. Wäre er nur ein paar Sekunden später gekommen, würde er heute noch leben. Am zweiten Todestag seines Vaters sitzt Maximilian Warshitzky, 37 Jahre alt, im Verhandlungssaal des Karlsruher Bundesgerichtshofs (BGH). Es gibt kaum noch einen freien Platz, das ist selten bei solchen Revisionsverhandlungen. Aber es ist kein normaler Fall, um den es hier geht. Und es ist auch kein normales Urteil, das der zuständige vierte Strafsenat des BGH zu prüfen hat.

„Dieser Fall hat größte Aufmerksamkeit erregt“, sagt die Vorsitzende Richterin Beate Sost-Scheible zu Beginn. Das lag vor allem am Urteil des Berliner Landgerichts, das die beiden Raser wegen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilte. Ein Novum in der Strafgerichtsbarkeit. Raser als Mörder? Das hatte es noch nie gegeben. Über dieses Urteil haben schon zahlreiche Strafrechtsexperten geschrieben, sie haben es auseinandergepflückt und bewertet. Einig aber sind sich auch die Juristen nicht. Einige glauben, dass dieses Urteil so keinen Bestand haben kann. Andere sagen das Gegenteil.

Der Kern der Debatte dreht sich dabei um die Frage, ob die beiden Raser fahrlässig oder vorsätzlich handelten. Für einen Mord, so sieht es das Gesetz vor, muss der Täter den Tod seines Opfers zumindest billigend in Kauf nehmen. Außerdem schreibt das Strafgesetzbuch bestimmte Merkmale vor, etwa Habgier oder Heimtücke, sowie das Begehen der Tat mit gemeingefährlichen Mitteln. Das Berliner Landgericht hatte den bedingten Vorsatz bejaht und die PS-Boliden der Raser dabei als gemeingefährliches Mittel beurteilt. Das Auto als Mordwaffe – auch das war neu und ist umstritten.

Die Verteidiger der beiden Raser machen am Donnerstagvormittag vor dem BGH deutlich, dass sie das Urteil für falsch halten, betonen aber auch: „Es geht uns nicht darum, die Angeklagten vor einer Strafe zu bewahren.“ Die Tat sei selbstverständlich strafwürdig, nur das Mordurteil eben falsch. Das Landgericht habe sich bei seiner Entscheidung leiten lassen von Emotionen und „fehlende Realität“ offenbart. Die beiden Angeklagten hätten keineswegs mit Vorsatz gehandelt, als sie mit bis zu 170 km/h über den Berliner Kudamm bretterten. Von „chronischer Selbstüberschätzung“ in der Raserszene ist die Rede, vom unerschütterlichen Glauben an die eigenen Fahrkünste. Im Kopf haben die Raser dabei nicht die eventuellen Folgen ihrer wilden Straßenhatz, sondern vielmehr die Helden aus Actionfilmen. Und wenn sich James Bond eine Verfolgungsjagd liefert, kommen schließlich auch keine Unschuldigen ums Leben. Anschnallen sei in der Szene etwas für Feiglinge, denn man geht ja davon aus, dass nichts passiert, weil man alles im Griff hat. Es geht um den Kick und das Ansehen in der Szene. Die Denke dieser jungen Männer mag kaum nachvollziehbar sein, aber sie schließe einen Vorsatz eben aus, argumentieren die Verteidiger.

Für den Vertreter der Bundesanwaltschaft hingegen reicht das nicht aus. Das Urteil des Landgerichts sei tragfähig, die Revision zurückzuweisen, erklärt er. Man könne doch auch einem Raser nicht absprechen, ein vernünftig denkender Mensch zu sein, sagt er. Trotz Adrenalinrausch, trotz diesem Gefühl von Stärke und Überlegenheit, das die jungen Männer erfüllt, wenn ihre Tachonadeln steigen, hätten sie um die Folgen ihrer Raserei gewusst – aber es sei ihnen eben egal gewesen. Und das, so der Bundesanwalt, reicht für das Mordurteil.

Zehn Kreuzungen hatten die Raser schon passiert, rote Ampeln kümmerten sie wenig. Zwei junge Frauen konnten auf dem Kudamm gerade noch so zur Seite springen, als die Raser ihr Gaspedal durchdrückten. An der elften Kreuzung kam es dann zum tödlichen Crash. Es war die letzte Ampel vor dem vereinbarten Ziel. Von rechts fuhr der Vater von Maximilian Warshitzky in die Straße ein, er hatte Grün – und keine Chance auszuweichen. Mit voller Wucht traf der Audi von Hamdi H. den Jeep des pensionierten Arztes. Der Crash ist gewaltig, die Unfallstelle gleicht einem Trümmerfeld. Ein Teil einer Auspuffanlage verfehlt den Kopf einer Passantin nur knapp. Die beiden Raser werden nur leicht verletzt. Die Beifahrerin von Marvin N. trägt eine Lungenquetschung davon. Auch sie ist Nebenklägerin in dem Verfahren – wie Maximilian Warshitzky.

Ein entscheidender Punkt für das BGH-Urteil könnte der Zeitpunkt sein, wann genau es den Rasern hätte bewusst sein müssen, dass ihre Fahrt tödliche Folgen haben kann. Das Berliner Landgericht legte sich auf den Moment fest, als die beiden in die Unfallkreuzung einfuhren. Also nur einen Sekundenbruchteil vor der Kollision. Genau das bezweifeln die Verteidiger, man könne nicht davon ausgehen, dass die Raser in diesem Moment vorsätzlich handelten, vielmehr fahrlässig. Aber das würde für ein Mord-Urteil nicht reichen. Auch der Bundesanwalt räumt ein, dass dies die „Achillesferse“ des Urteils sei. Betont aber, dass man die Formulierung des Urteils auch auf die paar hundert Meter vor der Kreuzung beziehen könne, als die beiden mit Vollgas auf die roten Ampeln zurasten.

Seine Entscheidung wird der BGH am 1. März verkünden. Dann schreibt der Vierte Strafsenat entweder Rechtsgeschichte, wenn er die Revision verwirft und das Mord-Urteil rechtskräftig wird. Oder aber er weist den Fall zurück an das Landgericht Berlin, das dann noch einmal verhandeln müsste. Maximilian Warshitzky will nicht darüber spekulieren, wie es ausgeht. Es sei juristisch betrachtet eine sehr komplexe Sache. Für ihn persönlich aber sei das, was die beiden Raser in der Nacht auf den 1. Februar 2016 in der Berliner City veranstalteten „Terror auf der Straße“ gewesen. „Es ist aus meiner Sicht Mord,“ sagt er nach der Verhandlung. „Mein Vater ist komplett sinnlos ums Leben gekommen.“