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| 17:58 Uhr

Politik
Menschen brauchen Zeit und Ort zum Trauern

 Gedenken in Berlin: Eine Frau übergibt am Mittwoch am Breitscheidplatz am Mahnmal nach einer Abendandacht ein Kerzenlicht.
Gedenken in Berlin: Eine Frau übergibt am Mittwoch am Breitscheidplatz am Mahnmal nach einer Abendandacht ein Kerzenlicht. FOTO: dpa / Carsten Koall
Berlin/Cottbus. Am 19. Dezember jährt sich zum zweiten Mal der Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Noch immer fällt es vielen schwer, die Ereignisse zu verarbeiten. Von Bodo Baumert

Ein Riss geht durch den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Ein Riss als Kunstobjekt, als Mahnmal an das, was vor zwei Jahren am diesem Ort passiert ist. Ein Terrorist fuhr mit einem gestohlenen Lkw mitten hinein in die Menschenmenge, die Buden, die hier eigentlich zum friedlichen Verweilen in adventlicher Stimmung eingeladen hatten. Ein grausames Attentat, ein Schock, ein kollektives Trauma, das Deutschland bis heute beschäftigt. Spätestens mit diesem Anschlag hatte der Terror auch Deutschland erreicht.

„Am Tag danach war es still auf dem Breitscheidplatz. Das war nicht die ernste Stille der Heiligen Nacht. Es war jene bleierne Stille, die eintritt, wenn die Sprache versagt – wenn Worte für das Unfassbare fehlen.“ Mit diesen Worten hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einem Jahr an die Opfer des Anschlags erinnert. Der Bedarf nach einer Trauerfreier war nicht nur bei den Angehörigen der zwölf Getöteten groß.

 20. Dezember 2016: Eine Schneise der Verwüstung ist auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu sehen, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war.
20. Dezember 2016: Eine Schneise der Verwüstung ist auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu sehen, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka

„Ein Riss symbolisiert die Wunden, die der Anschlag geschlagen hat. Aber wir wollen den Riss, der durch unsere Gesellschaften geht, überwinden“,sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei der Einweihung des Denkmals am Tatort.

Auch heute liegen auf den Stufen der Gedächtniskirche noch Blumen. Kerzen werden entzündet für die Opfer des Anschlags. Solche Bilder sind uns vertraut geworden. Blumen, Kerzen, Plüschtiere, wahre Altäre, aufgebaut von Menschen, die ihrer Trauer Ausdruck verleihen wollen. „Ich sehe mich noch am Morgen danach am Tatort stehen, eine weiße Rose in der Hand. Vor mir das Meer der Blumen, die flackernden Kerzen. Und mitten darin ein handgemaltes Schild – darauf nur ein einziges Wort: 'Warum?'“, erinnert sich Frank-Walter Steinmeier. Nach dem Bataclan-Anschag von Paris, nach Amokläufen an Schulen, immer wieder begegnen uns diese Bilder.

 Ein Jahr danach:  Blumen liegen am 19.12.2017 auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin am Gedenkzeichen für die Opfer des Anschlag.
Ein Jahr danach: Blumen liegen am 19.12.2017 auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin am Gedenkzeichen für die Opfer des Anschlag. FOTO: dpa / Maurizio Gambarini

„Es gibt ein wachsendes Bedürfnis in der Bevölkerung, Trauer zu leben, gemeinsam zu erleben“, bestätigt Benjamin Kaschula, Koordinator des Hospizdienstes der Malteser in der Lausitz und Notfallseelsorger. Die Notfallseelsorge in Brandenburg reagiert darauf, etwa mit Gedenkgottesdiensten für Angehörige und Betroffene, wenn Ereignisse zu psychologischen Ausnahmesituationen werden.

So gibt es etwa in Brandenburg mittlerweile einen Blaulichtgottesdienst für im Einsatz gestorbene Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstkräfte. „Wenn der Tod so schrecklich in unsere Mitte greift, fehlen die Worte. Umso dankbarer bin ich für diesen Gottesdienst. Hier können wir unsere Trauer, unser Gedenken, aber auch unseren Dank ausdrücken“, erklärte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) 2017 bei der Einführung.

 Ein Bild, das wir von vielen Orten kennen: Menschen legen Blumen nieder, schreiben Zettel: Warum? Hier nach dem  Brand eines Einkaufszentrums in Russland im Juni.
Ein Bild, das wir von vielen Orten kennen: Menschen legen Blumen nieder, schreiben Zettel: Warum? Hier nach dem Brand eines Einkaufszentrums in Russland im Juni. FOTO: dpa / Sergei Gavrilenko

Anfang November wurde dem Gelände des Polizeipräsidiums in Potsdam zudem eine neue Gedenkstätte für die im Dienst getöteten Polizisten eingeweiht. Die „Stätte der Erinnerung und Mahnung“ solle für Angehörige und Kollegen ein zentraler Ort zum Trauern und Gedenken sein, teilte die Polizei mit.

Bernd Puhlmann von der Notfallseelsorger Spree-Neiße erinnert auch an den Tod des Spremberger Rettungsarztes Michael Lang Anfang des Jahres, der vielen Menschen nahe gegangen war. Die Notfallseelsorger hatten gemeinsam mit anderen eine Andacht in der Stadt vorbereitet. Hunderte kamen, legten Blumen nieder, konnten gemeinsam Abschied nehmen.

 Der Wunsch nach Trauer war auch in Spremberg groß. Anfang des Jahres verstarb völlig überraschend der Leitende Notarzt Michael Lang.
Der Wunsch nach Trauer war auch in Spremberg groß. Anfang des Jahres verstarb völlig überraschend der Leitende Notarzt Michael Lang. FOTO: Detlef Bogott

„Menschen kommen ohne Rituale nicht aus“, erläutert die Berliner Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler. Das zeige sich auch bei Früh- und Totgeburten. Früher mussten Frauen das mit sich alleine ausmachen. „Mittlerweile hat sich da eine ganz neue Trauerkultur mit eigenen Ritualen gebildet. Eltern dieser stillgeborenen Kinder haben sich solidarisiert, zunächst oft im Internet, dann auch in der Realität.“

Diese körperliche Gegenwart, das Gemeinsame sei wichtig, damit Trauer sich entfalten können, Rituale Wirkung erzielen. „Über das Internet beispielsweise werden wir uns nie so spiegeln können und so empathiefähig sein“, erklärt die Professorin.

„Dass wir miteinander traurig sind, wütend sind, miteinander das Entsetzen teilen und auch die Suche nach Trost – auch das gehört zum Zusammenhalt, den wir brauchen, um gemeinsam unsere Freiheit zu verteidigen“, fasste es Bundespräsident Steinmeier vor einem Jahr zusammen. Die gemeinsame Trauer – auch das ist ein Weg, den Terror zu besiegen.