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Berlin
Mauer stand 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage

Am  11. November 1989: Jubelnde Menschen sitzen und stehen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer.
Am 11. November 1989: Jubelnde Menschen sitzen und stehen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer. FOTO: DB dpa / dpa
Berlin. Lange trennte ein Bollwerk die Menschen in Ost und West. Die Berliner Mauer stand 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage. Und exakt so viel Zeit ist nun schon seit ihrem Fall vergangen. Lange vorbei oder gerade erst gewesen?

Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Geschichte immer teurer. Für ein Foto mit einem falschen US-Soldaten und Flagge will ein Darsteller mittlerweile drei Euro pro Person. Den früheren Grenzkontrollpunkt an der Friedrichstraße passierten einst Diplomaten, heute stehen dort Laiendarsteller vor einem nachgebauten Haus. Drumherum: Touristen und was von der Mauer übrig blieb.

An diesem Montag, 5. Februar, ist die Mauer nun genauso lange weg wie sie da war. Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Am 13. August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden. Viele Menschen können sich noch genau an die Zeit der Teilung erinnern. Sie gehörte zu ihrem Leben.

18. August 1961: Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten errichtet eine Ostberliner Maurerkolonne an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze am Potsdamer Platz eine Mauer.
18. August 1961: Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten errichtet eine Ostberliner Maurerkolonne an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze am Potsdamer Platz eine Mauer. FOTO: UPI / dpa

Doch es werden immer mehr, für die die Mauer ebenso in Geschichtsbüchern konserviert ist wie der Nationalsozialismus oder die Weimarer Republik. Geschichte fühlt sich für Menschen verschieden und unterschiedlich weit entfernt an. „Ach was, echt so lange ist die Mauer schon weg?“, hört man von manchen. Anderen kommt die Zeit seit dem Mauerfall viel länger und zäher vor.

Der Mann im Stasi-Gefängnis

Hans-Joachim Lietsche (57) wartet auf seine Besuchergruppe. Er will Schülern erklären, wie die DDR-Staatssicherheit Menschen wie ihn einsperrte. Weil sie nicht auf Linie waren. „30 Jahre hab’ ich meine Haft verdrängt“, sagt der gelernte Bau- und Kunstglaser. Wo Lietsche jetzt steht, war früher die Untersuchungshaftanstalt der Stasi. Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen der einzige Ort, an dem der Frührentner über damals reden kann. Dass er nicht mehr als Fassadenmonteur arbeitet, habe auch mit der Vergangenheit zu tun.

Für ihn sei die DDR-Zeit so verdammt präsent - „weil ich erst so spät angefangen habe, mich damit zu beschäftigen.“ Nach dem Essen in einem Dunkelrestaurant vor vier Jahren seien die Erinnerungsfetzen hochgekommen. An die Zelle ohne Fenster, die Isolation und Angst. Paragraf 220, Herabwürdigung staatlicher Organe, sei sein Vergehen gewesen, neun Monate Haft. „Ich hab eine Staatsanwältin als blöde Kuh bezeichnet.“ Lietsche sagt, er habe Flugblätter für die Meinungsfreiheit verteilt und nicht weggewollt aus der DDR.

„Der Mauerfall war einer meiner glücklichsten Tage“, sagt Lietsche. Seine Augen werden feucht. Den vom Westen freigekauften Freund wiedersehen. Reisen nach Skandinavien. Doch die Alpträume, die Schuldgefühle hörten lange nicht auf. Die Zeit der Selbstzerstörung, in der er seine Kinder vernachlässigte und auch trank, seien aber vorbei. Früher und heute gehen für ihn ineinander über. Die Staatsanwältin von einst habe er nie gesucht. „Ich habe keinen Sinn für Rache.“

Der Irgendwie-Geschichtslehrer

Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste. Gerade erst wurde ein altes Stück Mauer am Stadtrand entdeckt. Und zwischen dem Potsdamer Platz und dem Checkpoint Charlie im Zentrum strömen jeden Tag Schülergruppen entlang, bevor sie in den Pausen shoppen gehen oder sich heimlich in eine Kneipe schleichen.

Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer. „Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen. Daran erkennt man, dass die Mauer für die Geschichte ist.“ Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen?

Die Antwort sei nicht so einfach, denn die Abschottung habe schon vor August 1961 begonnen, erzählt er dann. Und der Bau der Mauer und ihre Nachbesserung hätten im Grunde bis zu ihrem Fall gedauert. Die DDR-Führung hatte die Grenze immer mehr perfektioniert, um Fluchten zu verhindern. Die zweite Frage laute oft, wer die Mauer gebaut habe.

„Die meisten denken, es waren die Russen und nicht die Deutschen“, sagt Müller-Tenckhoff. „Man muss dann weit ausholen und die grundsätzliche Nachkriegsgeschichte mit den Alliierten erläutern.“ SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein. Noch kurz vorher hatte er die Weltöffentlichkeit getäuscht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Der Stadtführer sagt das alles nicht mit Häme, im Gegenteil. Der gebürtige West-Berliner ist seit 1991 im Geschäft. Als die Mauer fiel, lebte er gerade in London und schaute im Fernsehen BBC. Einen Tag später flog er nach Deutschland - „nach Hamburg“, wie er sagt. „Nach Berlin ging ja nix mehr.“ Ihm kommt die Zeit seit dem Mauerfall länger vor als die Zeit der Teilung. Die Zeitwahrnehmung junger Menschen sei aber eine ganz andere. „Für die ist das die Zeit ihrer Eltern.“

Der Aufkleber auf dem Auto

„Das Zeiterleben ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt der Psychologe Klaus Seifried. Er hat 26 Jahre als Schulpsychologe gearbeitet und gehört dem Vorstand des Berufsverbands Deutscher Psychologen an. „Junge Leute können sich das Leben vor 30 oder 40 Jahren kaum vorstellen.“ Wenn er Besuch habe und mit jungen Menschen zur Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße gehe, sei das für sie ähnlich fern wie der Zweite Weltkrieg oder der Holocaust. Das sei dann so, als wenn seine Eltern von der Zeit vor oder während des Krieges erzählt hätten. „Die sinnliche Erfahrung fehlt.“

Seifried zog es 1972 nach West-Berlin. Noch heute gibt es Orte, die ihn zurückversetzen. Neulich habe er am früheren Grenzübergang zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt Helmstedt/Marienborn gehalten. „Ich bin da reingefahren und sofort waren wieder alle Bilder da. Wie man den Ausweis abgeben musste. Wie man gefragt wurde, ob man Waffen an Bord hat. Wie der Aufkleber „Frieden schaffen ohne Waffen“ vom Auto entfernt werden musste.“

Bei der Zeitwahrnehmung könne eine Rolle spielen, dass der Kalte Krieg schon nach 1945 begonnen habe und viel länger gedauert habe als die Mauer. Der Kalte Krieg habe sich ja nicht nur in Deutschland abgespielt, sondern auch Afrika, Kuba oder Vietnam. „Das waren ja 44 Jahre Ost-West-Konfrontation. Die Mauer war nur ein Teilabschnitt davon.“

Die Geschwindigkeit von heute

Wenn einem die Zeit mit Mauer länger vorkommt als der Abschnitt seit dem Mauerfall, kann das laut Seifried auch am subjektiven Empfinden und dem heutigen Tempo liegen. Internet, Smartphones, Globalisierung, Mobilität - all das hat den Alltag beschleunigt. „Wenn wir uns erinnern, nehmen wir die Zeit dann als kürzer wahr, wenn viel passiert, wenn sich viel verändert“, sagt Seifried.

Wichtig sei auch, was man nach dem Mauerfall durchgemacht hat. „Es ist ganz entscheidend, wie man die Zeit danach erlebt hat, ob positiv als Befreiung oder negativ als Verlust.“ Für Menschen, die es nach der Wiedervereinigung schwer hatten, könne sich die heutige Zeit dahinziehen. Auch Stadtführer Müller-Tenckhoff erinnert daran, dass es natürlich die Menschen gab, die sich freuten. Aber eben auch diejenigen, denen die Wende Angst machte.

Manche Menschen in Ostdeutschland fühlen sich noch heute benachteiligt. Obwohl der Lebensstandard seit 1989 gestiegen, die Arbeitslosigkeit wieder gesunken ist und Kommunen herausgeputzt wurden. Sie verweisen auf niedrigere Renten, sterbende Dörfer, abgewanderte Fachkräfte. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst wurde die AfD im Osten zweitstärkste politische Kraft.

Im Westen habe es oft ein Gefühl von Überlegenheit gegeben, findet Seifried. Ähnliches hat der Begründer der gesamtdeutschen Linken, Gregor Gysi, vor kurzem in einem Filmporträt des MDR erzählt. „Die ostdeutsche Herkunft galt als eine unterlegene.“ Ein entscheidender Fehler der Wiedervereinigung war aus seiner Sicht, „dass sich der Westen nicht wirklich für den Osten interessiert hat“. „Da wurde Konkurrenz beseitigt - darunter leidet die Bundesrepublik bis heute.“

Verzerrte Erinnerung

Und nun? Die Teilung wird langsam zur Geschichte. „Menschen neigen dazu, dass sie positive Dinge erinnern und negative vergessen oder relativieren. Bestimmte Dinge werden verklärt - sowohl in Ost als auch West“, sagt Psychologe Seifried.

„Ich glaube, dass Bürger, die die DDR aufgebaut haben, eher die positiven Dinge erinnern und deswegen auch ein Stück enttäuscht sind von der sozialen Härte unseres Systems. Dass sie sich auch an die Fürsorge des Staates erinnern.“ Kollegen aus dem Osten hätten beispielsweise noch während des Studiums Kinder bekommen, weil es Wohnungen, Stipendien und Betreuung gab. „Aber die Beschränkung des Lebens und die Bespitzelungen werden nicht mehr so erinnert.“

Von Pionierlagern erzählten Kollegen aus dem Osten noch heute mit leuchtenden Augen. „Wenn wir im Westen daran denken, denken wir an ideologische Ausrichtung“, sagt Seifried. „Es gibt immer mehrere, subjektive Wahrheiten. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich auf eine Sache schaue.“

„Nostalgie, Verklärung und Mythen über die DDR“

Am Checkpoint Charlie stehen Händler, die russische Pelzmützen verkaufen. Touristin Susanne Ehard aus Bayern weiß genau, wann die Mauer fiel - „hab ich am Bildschirm miterlebt“. Sie habe auch ostdeutsche Kollegen in ihrer Firma, eine Kluft gebe es aber bis heute. „Man hat einfach ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Immer wieder gibt es Kritik, dass das geschichtsträchtige Areal zum Teil wie Disneyland anmutet. Ein seit Jahren geplantes Museum des Kalten Krieges kommt nicht voran. Wenn es ums Erinnern geht, sieht die Bundesstiftung Aufarbeitung in Deutschland noch eine andere Baustelle.

Bis heute gebe es bundesweit keinen Lehrstuhl für DDR-Geschichte, kritisiert Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Forschung und Lehre zur DDR gingen seit Jahren zurück, in Westdeutschland finde das kaum noch statt. „Das hat nicht nur gravierende Folgen für die Ausbildung der Geschichtslehrer von morgen, sondern auch für die gesamtdeutsche Erinnerungskultur“.

Umfragen zeigten, dass junge Menschen wenig über die Geschichte von Demokratie und Diktatur nach 1945 wüssten. „Durch diese Defizite entstehen leicht Nostalgie, Verklärung und Mythen über die DDR.“ Hier sei Schule ein wichtiger Faktor. Zwar seien Lehrpläne, Schulbücher und Prüfungsthemen aktualisiert worden. Aber ob ein bis zwei Wochenstunden für den Geschichtsunterricht ausreichen, sei fraglich. Angesichts aktueller Gefährdungen der Demokratie in Deutschland und Europa müsse die politische Bildung gestärkt werden, fordert Kaminsky.

Ähnliches treibt auch den früheren politischen Häftling Lietsche an. „Es ist mir ein Anliegen, dass sowas nicht nochmal passiert“, sagt er mit Blick auf die Stasi. „Davor habe ich Angst. Diktatur geht so schnell - die schweigende Masse macht sie möglich.“

(dpa/fh)