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| 17:19 Uhr

Kultur
Lieber Statist als Architekt oder Philosoph

21.04.2018, Berlin: Samir Dib lacht, bevor er von einer Maskenbildnerin im Schminkraum der Deutschen Oper geschminkt wird. Er ist Statist für das Stück "Don Giovanni". Die Deutsche Oper in Berlin hat es schwer, männliche Statisten zu finden. Der Aufwand ist hoch, die Bezahlung mäßig. Doch wer einmal angefangen hat, will so schnell nicht wieder gehen - und zieht mitunter die Statisterie dem eigentlichen Job vor. (zu dpa-KORR "Arbeit an der Oper: Lieber Statist als Architekt oder Philosoph" vom 09.05.2018) Foto: Annette Riedl/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
21.04.2018, Berlin: Samir Dib lacht, bevor er von einer Maskenbildnerin im Schminkraum der Deutschen Oper geschminkt wird. Er ist Statist für das Stück "Don Giovanni". Die Deutsche Oper in Berlin hat es schwer, männliche Statisten zu finden. Der Aufwand ist hoch, die Bezahlung mäßig. Doch wer einmal angefangen hat, will so schnell nicht wieder gehen - und zieht mitunter die Statisterie dem eigentlichen Job vor. (zu dpa-KORR "Arbeit an der Oper: Lieber Statist als Architekt oder Philosoph" vom 09.05.2018) Foto: Annette Riedl/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Annette Riedl
Berlin. Die Deutsche Oper in Berlin hat es schwer, männliche Statisten zu finden. Der Aufwand ist hoch, die Bezahlung mäßig. Doch wer einmal angefangen hat, will so schnell nicht wieder gehen – und zieht mitunter die Statisterie dem eigentlichen Job vor.

Samir Dib steht nur in Strumpfhose vor dem Spiegel, mit einem Abschminktuch reibt er sich die weiße Farbe aus dem Gesicht. Nur noch 20 Minuten bis zum zweiten Akt – bis dahin muss er sich von einem Geist in einen Clown verwandeln. „Eine Zeit lang waren mir die Inszenierungen zu exzentrisch“, sagt der 37-Jährige und beißt in eine Brezel. „Aber dann habe ich einen Schalter umgelegt und es akzeptiert. Es ist doch Wahnsinn, wie viel ich ohne Schauspielausbildung hier auf der Bühne machen kann.“

Seit 15 Jahren tritt Samir Dib als Statist in der Deutschen Oper Berlin auf, heute bei Mozarts „Don Giovanni“.

Jeder der 27 Statisten an diesem Abend hat seinen eigenen Haken an der Garderobe, daran hängen Anzüge, Krawatten, Feinripp-Unterhemden. Samir Dib hatte sich 2013 aus einer Laune heraus beworben, hatte vorher nie die Oper besucht. „Seitdem liebe ich es – das Leiden, den Schmerz, die Freude“, sagt er und nimmt einen großen Schluck von seinem Mate-Tee.

Samir Dib hat Architektur studiert und einen Abschluss als Ingenieur. „Doch dann kam die Oper dazwischen“, sagt er. Damit er auf der Bühne stehen kann, arbeitet er nur zehn Stunden die Woche. „Ich bin häufiger hier als in meinem richtigen Job. Es ist eine verdrehte Welt.“

Die Krawatte muss sitzen. Auch Cristiano Afferri gehört zum Ensemble des  Stückes „Don Giovanni“ an der Deutschen Oper.
Die Krawatte muss sitzen. Auch Cristiano Afferri gehört zum Ensemble des Stückes „Don Giovanni“ an der Deutschen Oper. FOTO: dpa / Annette Riedl

Ein Vertrag regelt die Bezahlung für alle Häuser der „Stiftung Oper in Berlin“, also auch für die „Staatsoper Unter den Linden“, die „Komische Oper“ und das „Staatsballett“. Für eine Probe bekommen die Statisten 20 Euro. Dauert sie länger als zwei Stunden, gibt es neun Euro die Stunde. Für eine Vorstellung werden zwischen 28 und 62 Euro berechnet – abhängig davon, was und wie viel die Statisten machen. Wer sich nackt auf die Bühne traut, bekommt einen Zuschlag.

Proben am Vormittag und Vorstellungen am Wochenende seien ein aufwendiges Hobby, sagt Statisterie-Leiter Carsten Meyer. Wie so viele am Theater trägt der 55-Jährige Schwarz und schaut mit flinken Augen durch die Garderobe. Seine „üblichen Verdächtigen“, das sind nur etwa 50 Personen. Es fehlten vor allem Männer zwischen 17 und 35 Jahren. „Täglich bekomme ich vier Bewerbungen von Frauen, von Männern maximal eine im Monat“, sagt Meyer.

Mit 16 stand Meyer erstmals selbst auf der Bühne der Deutschen Oper. Als er 1992 das Angebot bekam, die Statisterie zu leiten, gab er dafür seine Stelle in der öffentlichen Verwaltung auf, Schwerpunkt Rentenrecht. „Ich stand kurz vor der Verbeamtung auf Lebenszeit. Aber ich habe es nie bereut.“ Seitdem kümmert sich Meyer wie ein Schulleiter um seine Statisten. Viele seiner Schützlinge sind Studenten, einige Tänzer und Schauspieler.

„Die Clowns bitte zur Bühne“, dröhnt es durch die Lautsprecher. Cristiano Afferri hat sich gerade eine Weste über den nackten Oberkörper gezogen, eine Clownsnase baumelt um seinen Hals. „Vor solchen Auftritten wie heute bin ich immer nervös“, sagt der gebürtige Italiener. Für Afferri ist die Statisterie sein Hauptjob. In Italien hatte der 42-Jährige einen Doktor in Philosophie gemacht, sich in Deutschland aber mit Nebenjobs durchgeschlagen, bis er sich als Statist an der Oper bewarb.

Zusammen mit 26 anderen Männern wird er gleich über die Bühne springen und Don Giovanni imitieren. „Wir müssen alle aufeinander achten, haben viele Requisiten und Kostümwechsel. Und es ist körperlich anstrengend.“ Teilweise übernähmen die Statisten auch technische Umbauten. „In vielen Köpfen ist das Bild des Statisten noch immer der Lakai in der Ecke“, sagt Carsten Meyer. „Die meisten wissen gar nicht, welche Verantwortung Statisten tragen.“ Bei der Staatsoper Unter den Linden spricht man von Komparsen, da die Darsteller klare Funktionen und Einfluss auf das Bühnengeschehen hätten, sagt eine Sprecherin.

Die Klingel läutet und kündigt den zweiten Akt an. Samir Dib steht bereit, noch im Dunkeln hinter den Kulissen. Bald wird er ein Stück Abschied nehmen von der Oper. Derzeit laufen die Proben für „Die Fledermaus“ – es soll seine letzte Neuproduktion sein. Danach will er wieder mehr Stunden als Architekt arbeiten. Abends wird er trotzdem weiterhin als Geist oder Clown auf der Bühne stehen.

(dpa)