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Import ins Klassenzimmer: Mobbing aus religiösen Gründen

Der israelisch-arabische Psychologe und Autor Ahmad Mansour. Foto: Maurizio Gambarini/Archiv
Der israelisch-arabische Psychologe und Autor Ahmad Mansour. Foto: Maurizio Gambarini/Archiv FOTO: Maurizio Gambarini
Berlin. Mobbing aus religiösen oder kulturellen Gründen nimmt nach Einschätzung des Berliner Psychologen und Islamismus-Kenners Ahmad Mansour an Schulen deutlich zu. „Mit der Radikalisierung von Jugendlichen hat sich auch ein bestimmtes Islamverständnis breit gemacht“, sagt Mansour der Deutschen Presse-Agentur. Die Konflikte aus den Heimatländern von Schülern würden nun in deutschen Klassenzimmern ausgetragen. dpa

Antisemitismus spiele dabei eine große Rolle, sei aber Teil eines noch größeren Problems: der Intoleranz muslimisch geprägter Kinder und Jugendlicher. „Die Konflikte nehmen auch zu, weil Schulen keine Antwort auf solche Probleme finden“, so Mansour. Als Lösungsansatz forderte er eine grundlegende Schulreform.

Mansour, Jahrgang 1976, wuchs als junger Palästinenser in Israel auf, studierte in Tel Aviv und Berlin und lebt seit 13 Jahren in Deutschland. Über sich selbst sagt er, dass er als Jugendlicher beinahe radikaler Islamist geworden wäre. Inzwischen hat er das Buch „Generation Allah“ geschrieben und ist Geschäftsführer der Initiative „Mind Prevention für Demokratieförderung und Extremismusbekämpfung“.

An einer Berliner Grundschule wurde jüngst eine Zweitklässlerin von älteren Schülern aus muslimischen Familien als Jüdin beschimpft. Ein Mitschüler soll gedroht haben, sie umzubringen, weil sie nicht an Allah glaube. Es war kein Einzelfall. „Natürlich ist Antisemitismus in vielen muslimischen Elternhäusern ein Riesenproblem - als Teil der Erziehung“, sagte Mansour. „Das hat sicher eine religiöse Dimension. Aber wenn wir ein bisschen tiefer ansetzen, dann merken wir, dass Antisemitismus nur ein Teil des Problems ist.“

Im Kern gehe es um Intoleranz gegenüber Menschen, die den Islam anders lebten und auch gegenüber Menschen anderen Glaubens. Es gebe Schüler, die gemobbt würden, weil sie nicht fasteten - oder Mädchen, weil sie kein Kopftuch trügen. „In dieser Intensität sehe ich Intoleranz als Problem muslimisch geprägter Kinder und Jugendlicher“, sagte Mansour. „Bei Grundschülern können wir davon ausgehen, dass die Erziehung im Elternhaus ihr Weltbild prägt. Wenn ich mein Kind zur Toleranz erziehe, kommt es in Schulen sicherlich nicht zu solchen Bedrohungssituationen.“

„Das heißt nicht, dass es woanders keine Konflikte gibt“, betonte Mansour. „Natürlich werden auch Flüchtlinge gemobbt.“ Der religiöse und kulturelle Hintergrund von Bedrohungen an Schulen sei aber nicht zu unterschätzen. „Diese Freiheit und Emanzipation in Deutschland macht enorm vielen Flüchtlingsfamilien Angst - vor allem den Männern. Um ihre Kinder zu schützen, werten sie die kulturellen Werte hier ab - als etwas, das nicht in Ordnung ist.“ Das führe dazu, dass auch ihre Kinder Menschen mit einem anderen Lebensstil ablehnten.

Religiös oder kulturell geprägtes Mobbing bei Kindern hält Mansour für deutlich mehr als eine unpolitische Provokation. „Das hat viel mit Werten zu tun, die Kinder im Elternhaus oder bei ihren Freunden mitbekommen haben. Das müssen wir absolut ernst nehmen.“ Das heiße nicht, Kindern mit Bestrafung zu drohen. Es gehe darum, diese Konflikte zum Thema zu machen. Es gehe um Perspektiven, Denkanstöße und Alternativen.

„Ich bin froh, dass wir endlich darüber reden. Wir müssen etwas anbieten, um gegenzusteuern“, sagte Mansour. „Wir brauchen eine grundlegende Schulreform.“ Lehrer müssten ganz anders ausgebildet und vorbereitet werden. „Wir brauchen neue Lerninhalte über Werte, Toleranz und Streitkultur, vor allem über das Aushalten von anderen Meinungen. Wir müssen schon mit Grundschulkindern über Werte sprechen. Über Männlichkeit, über Sexualität, über Erziehung, über Streitkultur und über Ängste.“ Nötig sei auch eine ganz andere Elternarbeit, Eltern müssten Teil einer Schule sein. „Wir brauchen Sozialarbeit, die Konflikte früh erkennt und zum Thema macht. Und wir brauchen Schulleitungen, die Konflikte nicht klein reden, damit ihre Schule nicht als Problemschule gilt“, sagte Mansour.

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