ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:30 Uhr

Interview mit Frank Junge
„Es gibt nach wie vor ostspezifische Probleme“

Junge war Leistungssportler im Wasserspringen und hat an der Uni Leipzig Sportwissenschaften studiert. Die AOK Mecklenburg-Vorpommern und das Tourismusamt Wismar waren berufliche Stationen bevor er 1998 die in die SPD eintrat. Seit 2013 ist Junge Mitglied des Bundestages.
Junge war Leistungssportler im Wasserspringen und hat an der Uni Leipzig Sportwissenschaften studiert. Die AOK Mecklenburg-Vorpommern und das Tourismusamt Wismar waren berufliche Stationen bevor er 1998 die in die SPD eintrat. Seit 2013 ist Junge Mitglied des Bundestages. FOTO: Frank Junge / BENNO KRAEHAHN
Berlin. Für den Chef der Landesgruppe Ost in der  SPD-Bundestagsfraktion ist Angleichung ein Dauerprozess.

Die Bundesregierung hat einen Ostbeauftragten und die SPD auch. Und in den Fraktionen des Bundestages organisieren sich die ostdeutschen Abgeordneten. In der Bevölkerung der nun nicht mehr gar so neuen Bundesländer grassiert aber weiter Unzufriedenheit. Frank Junge, der Chef der Landesgruppe Ost in der SPD-Fraktion, im RUNDSCHAU-Interview.

Herr Junge, wie groß ist denn die Landesgruppe?

Junge Wir sind 21 Abgeordnete. Von 153 – das sieht nicht nach großer Durchschlagskraft aus. Das ist immerhin die zweitgrößte Landesgruppe. Wenn wir uns einig sind, dann hat unsere Stimme in der Fraktion durchaus Gewicht.

Es gibt  keine Nord-, Süd- oder Westlandesgruppe. Warum muss es eine für den Osten geben?

Junge Weil wir getrennt wenig erreichen würden, und weil es nach wie vor ostspezifische Probleme gibt.

Die Landesgruppe gibt es schon ein Weilchen. Wie reagieren die westdeutschen Genossen auf sie?

Junge Es ist ein Dauerprozess, sich auch bei den Abgeordneten aus den westdeutschen Bundesländern Gehör und Akzeptanz zu verschaffen. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass, wenn wir von Strukturproblemen im Osten reden, sich westdeutsche Kollegen zu Wort melden und sagen: Wir stehen vor den gleichen Problemen wie ihr.

Einerseits können wir das für gemeinsames Handeln nutzen, andererseits verdeckt es mitunter, wie groß die Ost-West-Unterschiede oft noch sind.

Aber ist es nicht so, dass Ihre Kollegen schon mit den Augen rollen, wenn Sie darauf hinweisen.

Junge Ich würde nicht sagen, dass das immer passiert, aber ja, es kommt vor. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass die Ostbefindlichkeiten immer zu reflexhaft ins Spiel gebracht wurden. Das hat bei manchem die Geduld überstrapaziert. Wir hätten da mehr die Gemeinsamkeiten suchen sollen.

Gibt es eigentlich eine Zusammenarbeit der Ostdeutschen in der Politik? Zum Beispiel im Bundestag?

Junge Wir haben sofort Kontakt zum neuen Ostbeauftragten der Bundesregierung aufgenommen. Und wir haben alle Ost-Landesgruppen der anderen Fraktionen angesprochen. Mit Ausnahme der AfD. Ich glaube, dass parteiübergreifend das Bewusstsein gewachsen ist, dass die Ostdeutschen nur dann etwas erreichen, wenn sie zusammenarbeiten und die Interessen ihrer Wähler zumindest teilweise gemeinsam vertreten.

Sie wollen mehr Ostdeutsche in Führungspositionen und haben unter anderem festgestellt, dass in der Bundestagsverwaltung keine der vier Abteilungen von Ostdeutschen geleitet wird. Wie erklären Sie sich das?

Junge Ich kann da nur Vermutungen anstellen. Es könnte sein, dass Menschen aus den alten Bundesländern, die in den Osten gekommen sind, ihre Karrieren verfestigt haben und  wenig Platz für ostdeutsche Karrieren ließen. Wir wollen jedenfalls eine Evaluierung der Zustände, um dann daraus politisches Handeln abzuleiten. Hier erhoffen wir uns finanzielle Unterstützung durch den Ost-Beauftragten.

Holen nicht einfach Westdeutsche andere Westdeutsche nach?

Junge Auf jeden Fall gibt es die Vermutung, dass Netzwerke, die bis in Ausbildungszeiten zurückreichen, bei der Karriere genutzt werden. Das bedeutet, dass Westdeutsche, die in den alten Bundesländern studiert haben, möglicherweise studentischen Netzwerken treu sind, einander beim beruflichen Fortkommen helfen. Das muss genau untersucht werden, um dann entsprechend gegensteuern zu können.

Und da wollen Sie bei der Bundestagsverwaltung anfangen? Sie regieren doch in Bund und Ländern und könnten Gesetzesvorhaben anschieben.

Junge Die Landesgruppe Ost der Fraktion kann das nicht allein. Aber wir wollen einen Anfang machen, und auf die Bundestagsverwaltung haben wir einen direkten Zugriff. Dafür brauchen wir erst einmal einen Fraktionsbeschluss. Den haben wir noch nicht.

Den meisten Ostdeutschen geht es so gut wie vielleicht noch nie. Trotzdem herrscht teilweise viel Wut auf die Politik und die Medien. Was ist da los?

Junge Die eine, gültige Antwort habe ich da auch nicht. Ich denke, die mehrfachen Umbrüche, der Strukturwandel, der den Osten mehrfach in die Mangel genommen hat, haben vielen Menschen schwer zu schaffen gemacht. In manchen Gegenden betrifft das ganze Familien, manchmal fast eine gesamte Generation.

Der Schock sitzt bei manchen tief. Und aus dieser Verunsicherung, aus der entsprechenden Unzufriedenheit haben die Populisten frühzeitig Kapital geschlagen. Das konnte aber nur gelingen, weil die sogenannten etablierten Parteien den Osten nicht richtig angesprochen haben.

Haben die Ostdeutschen immer noch einen Minderwertigkeitskomplex?

Junge Nein. Es gibt nach wie vor eine ostdeutsche Verbundenheit, eine gemeinsame Vergangenheit und ein gemeinsames Lebensgefühl. Das alles findet oft zu wenig Anerkennung. Es wird viel zu viel über die Ostdeutschen geredet und zu wenig mit ihnen.

Aber es scheint zumindest ein Gefühl der Ungerechtigkeit zu geben.

Junge Und das ist ja auch manchmal berechtigt. Wir haben gerade über die Besetzung von Führungspositionen gesprochen. So etwas lässt sich aber nicht von heute auf morgen korrigieren.

Wäre es nicht an der Zeit, dass die Politik die Karten auf den Tisch legt und zugibt, dass es zwischen Ost und West nie gleichwertige Lebensverhältnisse geben wird?

Junge Das käme einer Kapitulation gleich. Natürlich wird es immer Unterschiede bei den Lebensverhältnissen etwa zwischen Stadt und Land geben. Aber wir wollen, dass es nicht diese eindeutige Ost-West-Trennung gibt. Und dafür kann man etwas tun. Auch wenn am Ende nicht überall das Maximum herauskommt.

Bis 2025 werden die Rentenwerte angeglichen, die Umrechnung der Ost-Löhne schmilzt. Eine Verkäuferin im Osten bekommt dann nicht nur weniger Lohn, sondern sie wird auch weniger Rente bekommen. Ist das gerecht?

Junge Zunächst einmal: Die Höherbewertung der Löhne schafft auf jeden Fall Ungerechtigkeiten. Nämlich dann, wenn Menschen aus Ost und West den gleichen Lohn bekommen. Dann erarbeitet sich der eine höhere Rentenansprüche als der andere. Das kommt bereits jetzt vor.

Ja, aber der Durchschnittslohn liegt nun mal unter dem im Westen.

Junge Und das darf nicht so bleiben. Fakt ist: Die Altersrenten werden überall im Erwerbsleben vorbereitet. Deswegen müssen wir für steigende Löhne im Osten kämpfen. Das setzt unter anderem voraus, dass die Tarifbindung steigt.

Mit Frank Junge
sprach André Bochow